Motivationsschreiben: Völlig überflüssig

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Ein Plädoyer für die Abschaffung des Motivationsschreibens.

„Hiermit bewerbe ich mich…“ Wer als Recruiter oder Recruiterin diesen Satz im Motivationsschreiben noch nie gelesen hat, bitte melden. Ich vermute eher, Sie haben ihn alle schon tausendfach gelesen – und sind selbst schuld.

Immer noch sehe ich in Jobinseraten die Aufforderung: „Bitte senden Sie Ihren Lebenslauf und ein aussagekräftiges Motivationsschreiben an …“. Und schon sind wir mitten drin im Dilemma: Was ist denn ein aussagekräftiges Motivationsschreiben? Und wofür brauche ich das? Hilft mir das tatsächlich, um im Recruiting eine gute Entscheidung treffen zu können?

Ursprünglich als Ergänzung zum Lebenslauf gedacht, war es die Intention, mit dem Motivationsschreiben aus der Masse der Bewerbungen herausstechen zu können. Außerdem hatten Jobsuchende so die Möglichkeit, detailliert auf bestimmte Aspekte in ihrem Lebenslauf einzugehen. Eigentlich also eine gute Sache.

Wenn wir noch im Jahr 2000 wären und im Recruiting alle Hände voll damit zu tun hätten, zwischen Hunderten von Bewerbungen den passenden Kandidaten für eine offene Stelle auszuwählen. Das ist aber längst nicht mehr der Fall. Heute sind die meisten froh, wenn sie überhaupt Bewerbungen bekommen.

Wer nach „Motivationsschreiben“ googelt (und das tut sicher jede oder jeder, die oder der als Bewerbender brav alle „Anforderungen“ erfüllen möchte), dem schlägt Google sofort etliche Seiten mit Mustern, Vorlagen, Tipps und Tricks für das ideale Motivationsschreiben vor. Da heißt es dann zum Beispiel: Das Motivationsschreiben bildet den persönlichsten Teil deiner gesamten Bewerbung. In diesem Zusatztext kannst du deine im Lebenslauf aufgelisteten Kompetenzen noch einmal betonen und illustrieren. Und du kannst dein Interesse am Unternehmen mit deiner Persönlichkeit und deinen Alleinstellungsmerkmalen verknüpfen.

Doch damit tun sich viele schwer. Auch mir wird in meinem Freundes- und Bekanntenkreis daher immer wieder die Frage gestellt: „Was soll ich eigentlich in dieses Motivationsschreiben schreiben, kannst du mir da bitte helfen?“

Ganz ehrlich, das kann ich nicht. Weil ich ein Motivationsschreiben für völlig überflüssig halte. Und das schon seit dem Jahr 2015! Da habe ich das zum ersten Mal auf meinem Blog Recruitingpraxis thematisiert. Was soll es bringen, sich eine Begründung auszudenken, wenn man einfach nur einen Job braucht? Und was hilft es, wenn der Jobsuchende schreibt, dass er das Unternehmen schon immer bewundert hat?

Drehen wir den Spieß doch einmal um: Was motiviert Recruiter und Recruiterinnen eigentlich dazu, ein Motivationsschreiben zu verlangen? Bitte zutreffende Antwort (zumindest gedanklich) ankreuzen:

  1. Sie möchten überprüfen, ob die Bewerbenden in der Lage sind, eine Aufgabe zu erfüllen (Senden Sie Ihren Lebenslauf, aussagekräftiges Motivationsschreiben und Zeugnisse an …)
  2. Sie kennen es nicht anders (Das haben wir immer schon so gemacht)
  3. Sie erhoffen sich darin Informationen, die Sie im Lebenslauf nicht finden
  4. Ich weiß es auch nicht
  5. Ich hätte gerne eine Arbeitsprobe.

Schauen wir uns die unterschiedlichen Möglichkeiten einmal an:

  1. Wenn das Motivationsschreiben selbst keinen Zweck erfüllt, sondern die Absicht dahinter nur die Überprüfung ist, ob die Bewerbenden die Anforderung „Genauigkeit“ erfüllen, wäre es sinnvoller über den Einsatz von entsprechenden eignungsdiagnostischen Verfahren im Recruitingprozess nachzudenken.
  2. Recruiting hat sich in den letzten Jahren definitiv verändert. Wir agieren nicht mehr in einem Arbeitgeber-, sondern in einem Arbeitnehmermarkt. Also gilt: Möglichst alle unnötigen „Hürden“ im Bewerbungsprozess beiseite räumen.
  3. Welche Informationen hätten Sie denn gerne? Soweit ich weiß, können die meisten Menschen nicht hellsehen. Wer Informationen möchte, muss daher danach fragen. Das lässt sich in den meisten Bewerbungsmanagement-Systemen auch wunderbar einrichten. So können z.B. am Beginn des Online-Bewerbungsprozesses drei konkrete Fragen eingefügt werden. Ist kein System vorhanden, können diese schon im Jobinserat angeführt und um entsprechende Beantwortung gebeten werden.
  4. Ja wer soll es denn dann wissen?
  5. Ein Motivationsschreiben ist keine Arbeitsprobe. Die sollten Sie explizit verlangen, wenn es der Job erfordert.

Also hinterfragen Sie, welchen Nutzen das Motivationsschreiben für Sie wirklich hat. Keinen? Dann beharren Sie auch nicht weiter drauf. Damit tun Sie sich selbst und den Jobsuchenden einen Gefallen und bekommen vielleicht sogar mehr Bewerbungen.

AUTOR(EN)

Claudia Lorber, MA in HR Management, ist Expertin für Social Media Recruiting und Gründerin der Recruiting Insider Community in Wien

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