Coaching im dritten Corona-Jahr: Wie hat sich der Markt verändert?

Pixabay Ri-Ya

Im Zuge der COVID-19-Pandemie kam es zu vielfältigen Verschiebungen im Coaching-Markt. Die Coaching-Marktanalyse 2021 zeigte dies deutlich. Online-Coaching nimmt zu, Topmanager lassen wieder häufiger coachen, Privatpersonen spielen eine nicht unwesentliche Rolle.

Bereits 2021 konnte ein überraschend starker Anstieg des Online-Coachings, das unter Einsatz von Videokonferenzsystemen erfolgt, festgestellt werden. Wie die Ergebnisse der Coaching-Marktanalyse 2020 (Rauen, 2020) zeigten, spielte dieses Coaching-Format mit einem Anteil von nur 7,70 Prozent in Vor-Corona-Zeiten eine geringe Rolle. Viele Coaches sahen das Online-Coaching nur als Ergänzung zum Präsenz-Format oder lehnten es ganz ab. Häufige Argumentationen bezogen sich auf einen (vermeintlich) eingeschränkten Methodeneinsatz oder einen erschwerten Beziehungsaufbau im Online-Coaching. Mit den pandemiebedingten Präsenzhemmnissen wuchs der Anteil des Online-Formats 2021 sprunghaft auf 37,11 Prozent an. Der Anteil des Präsenz-Coachings viel zeitgleich von 75,71 auf 45,07 Prozent.

Die Frage, ob sich der „Online-Boom“ bestätigen würde, kann anhand der Ergebnisse der Marktanalyse 2022 bejaht werden. Das Online-Coaching stellt nun mit 45 Prozent das am häufigsten praktizierte Coaching-Format dar, was aufgrund dessen, dass es noch 2020 ein Schattendasein führte, bemerkenswert ist. Das Präsenz-Setting reiht sich nun mit 44,01 Prozent knapp hinter dem Online-Coaching ein (siehe Abb. 1). Addiert man dem Online-Format Coachings via Telefon, E-Mail, Chat etc. auf, offenbart sich, dass bereits die Mehrheit aller Coachings ohne physische Präsenz von Coach und Klient im gleichen Raum durchgeführt wird.

Abb. 1: Verteilung der praktizierten Coaching-Formate (N=395), Mehrfachantworten waren möglich (Quelle: Rauen et al., 2022)

Bei der Einordnung dieser Ergebnisse ist zu bedenken, dass im Erhebungszeitraum durchaus noch Präsenzhemmnisse bestanden, wenngleich es auch Lockerungen und Testmöglichkeiten gab. Daher werden erst folgende Erhebungen zeigen, wie viel Substanz hinter dem „Online-Boom“ tatsächlich steckt. Ob das Online-Coaching den Platz an der Sonne auch dann wird festigen können, wenn ein vollständiger Wegfall der Präsenzhemmnisse vollzogen wurde, wird spannend zu beobachten sein.

Dennoch könnte die weitere Verschiebung in Richtung des Online-Formats schon jetzt von einem Gewöhnungseffekt mitbeeinflusst sein. In der praktischen Arbeit dürften viele einst skeptische Coaches zu der Überzeugung gelangt sein, dass Online-Coaching bessere Ergebnisse ermöglicht als vermutet. Auch Vorteile wie wegfallende Fahrtzeiten und -kosten dürften eine begünstigende Rolle spielen. Weitere Vorteile liegen aufseiten der Nachfrager, die z.B. in ihrer Coach-Auswahl nicht räumlich limitiert sind.

Konzern-Topmanager lassen sich wieder häufiger coachen

Die Ergebnisse der Coaching-Marktanalyse 2021 wiesen einen deutlichen Rückgang der Nachfrage von Coaching durch Topmanager in Konzernen/Großunternehmen aus. Eine mögliche Erklärung stellte einen Zusammenhang mit den pandemiebedingten Kontaktbeschränkungen und dem dadurch bedingten sprunghaften Anstieg des Online-Coachings her: Im Topmanagement besteht erfahrungsgemäß ein stark ausgeprägtes Diskretions- und Vertraulichkeitsbedürfnis, das Bedenken hinsichtlich der Inanspruchnahme eines Online-Coachings hervorgerufen haben könnte (Rauen, 2021).

Diese Entwicklung wurde revidiert. Coachings mit dieser Zielgruppe machen nun 4,24 Prozent des Gesamtmarktes aus (2021: 2,16 Prozent; 2020: 3,43 Prozent) und liegen damit im oberen Drittel (für eine Gesamtübersicht der Zielgruppen und ihrer Anteile im Markt siehe: Rauen et al., 2022). Der ermittelte Wert entspricht einer deutlichen Steigerung um 2,08 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr. Tatsächlich liegt der Wert sogar um 0,81 Prozentpunkte über dem des Jahres 2020. Zu bedenken ist, dass Topmanager in Konzernen/Großunternehmen einen sehr geringen Teil der Bevölkerung ausmachen und daher die zahlenmäßig kleinste Zielgruppe im Coaching darstellen. Hieraus wird ersichtlich, dass es sich zugleich um die Zielgruppe handelt, die – an den Relationen gemessen – am häufigsten ein Coaching in Anspruch nimmt (Rauen, 2020).

Kostenloser Download des Ergebnisberichts

Die Ergebnisse der RAUEN Coaching-Marktanalyse 2022 stehen für alle Interessierten zum freien Download bereit. Auch die Ergebnisberichte der Vorjahre können ohne jede Zugangsbeschränkung abgerufen werden unter:www.rauen.de/cma

 

Wie ist der Anstieg zu erklären? Die relative Normalisierung der Situation, sprich der teilweise Wegfall der Präsenzhemmnisse, der wieder Face-to-Face-Coachings ermöglicht, könnte eine Rolle spielen. Ebenfalls kann in Betracht gezogen werden, dass Topmanager Bedenken gegenüber dem Online-Coaching abgebaut haben. Schließlich stellten virtuelle Sitzungen über einen längeren Zeitraum generell die einzige Möglichkeit des Austauschs dar. Es könnte also auch hier einen Gewöhnungseffekt gegeben haben.

Jedoch harmoniert ein weiteres Ergebnis der Analyse nicht mit letzterer These. In der Zielgruppe der Topmanager in kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) gab es keine Erholung der Nachfrage. Sie hat sich sogar nochmals abgeschwächt. Coachings dieser Zielgruppe machen nun einen Anteil von 4,61 Prozent aus (2021: 6,39 Prozent; 2020: 10,62 Prozent). Ebenso auffallend ist der auf den ersten Blick deutliche Rückgang von Coaches, die das Topmanagement in KMU als ihre Zielgruppe bezeichnen: Waren es 2021 noch 46,44 Prozent, so sind es nun nur noch 28,57 Prozent.

Privatpersonen machen wichtigen Teil der Nachfrage aus

Jedoch ist der Vergleich der Zahlen aus den unterschiedlichen Jahren vor dem Hintergrund einer spezifizierten Abfrage zu betrachten, die den Eindruck eines Abwärtstrends in bestimmten Gruppen verstärken könnte: Um die Rolle von Privatpersonen als Nachfrager im Coaching-Markt genauer betrachten zu können, wurde die Fragestellung hinsichtlich der Coaching-Zielgruppen im Rahmen der Marktanalyse 2022 differenzierter vorgenommen. So wurde diesmal auch die Zielgruppe der Privatpersonen mit beruflichen Anliegen abgefragt, deren Bedeutung nicht zu unterschätzen ist.

Die Zielgruppe der Privatpersonen mit beruflichen Anliegen betrachten 48,03 Prozent der befragten Coaches als ihre Zielgruppe. Dies entspricht Platz 1 unter den Zielgruppen. Zudem macht die Gruppe 9,28 Prozent aller durchgeführten Coachings aus (hier Platz 2). Privatpersonen ohne berufliches Anliegen haben einen Coaching-Anteil im Gesamtmarkt von 5,35 Prozent. Zusammengenommen machen Privatpersonen somit einen Anteil von 14,63 Prozent aus. Damit sind sie für einen nicht geringfügigen Teil der Coaching-Nachfrage verantwortlich.

Einkommen und Honorare: Anzeichen der Erholung

Die von den befragten Coaches erzielten Honorarsätze und Einkommen sind 2022 gegenüber dem Vorjahr im Schnitt gesunken, nachdem sie bereits mit Pandemiebeginn einen Absturz erfahren hatten. Lag der Durchschnitt des Einkommens 2020 noch bei 105.261 Euro, so fiel er 2021 um 15,47 Prozent auf 89.045 Euro. 2022 liegt er nun bei 84.568 Euro. Dies entspricht einem weiteren Rückgang von 5,03 Prozent gegenüber dem 2021 ermittelten Wert. Das durchschnittliche Honorar pro Stunde verzeichnet ebenfalls einen negativen Trend: Nachdem es 2020 noch bei 177,60 Euro lag, sank es bereits 2021 auf 174,83 Euro. 2022 beträgt es 164,65 Euro.

Die Zahlen zeigen, dass sich die wirtschaftliche Situation vieler Coaches nochmals verschlechtert hat. Da es sich allerdings um Durchschnittswerte handelt, lohnt sich eine Differenzierung nach Untergruppen, um ein genaueres Bild zu erhalten. Tatsächlich stellen sich dabei deutliche Unterschiede zwischen den „Coach-Typen“ heraus. Beispielsweise realisierte die Gruppe der selbständigen Coaches mit freien Mitarbeitern eine Steigerung der Einkommen. Coaches, die teilweise angestellt und teilweise selbständig sind, haben hingegen mit weiteren Einbußen zu kämpfen. Eine vollständige Aufschlüsselung liefert die Tabelle.

Tabelle: Einkommen und Honorar in Abhängigkeit vom Coach-Typ (Quelle: Rauen et al., 2022),  *Geringe Fallzahl N, Daten sind nur Tendenzaussage **Keine Vergleichsdaten aus 2020 verfügbar, 2020=RAUEN Coaching-Marktanalyse 2020 (Rauen, 2020); 2021=RAUEN Coaching-Marktanalyse 2021 (Rauen, 2021)

Eine Einordnung, die zuversichtlich(er) stimmen mag: Der sehr starke Absturz der Bruttojahreseinkommen, der mit Aufkommen der Pandemie von 2020 auf 2021 stattfand, hat sich nicht wiederholt. So sind die Einkommen von 2021 auf 2022 im Schnitt deutlich weniger stark gesunken. Der „freie Fall“ scheint beendet. Wie erwähnt und in der Tabelle dargestellt gab es in bestimmten Untergruppen sogar positive Entwicklungen. Auch eine relative Stabilisierung der durchgeführten Coaching-Fälle pro Jahr und die beschriebene teilweise Erholung der Nachfrage im Bereich des Topmanagements können als positive Zeichen verstanden werden. Dasselbe gilt für den wachsenden Coaching-Anteil am Gesamteinkommen der Befragten, der den Ergebnissen der Analyse zu entnehmen ist. Dieser Aspekt deutet darauf hin, dass sich Coaching besser im Online-Format durchführen lässt als andere Dienstleistungen, die von den Befragten angeboten werden. Coaching kann daher als vergleichsweise krisenfest betrachtet werden (siehe auch Rauen, Ebermann & Barczynski, 2022).

Themen: Konfliktmanagement gewinnt an Bedeutung

Die befragten Coaches gaben Auskunft, welche Themen und Anliegen ihrer Klienten sie im Coaching behandeln. Auf den ersten Blick stimmen die Ergebnisse mit denen des Vorjahres im Großen und Ganzen überein. So steht das Thema „Reflexion und Entwicklung der Führungsrolle“ weiterhin unangefochten an erster Stelle. Im Vergleich zu den Erhebungen der Vorjahre gibt es allerdings eine starke Abweichung: Das Konfliktmanagement ist auf Platz 2 vorgerückt (siehe Abb. 2). Zuvor rangierte es im Mittelfeld. Auf den weiteren Plätzen ist es lediglich zu kleineren Verschiebungen gekommen.

Abb. 2: Zentrale Themen im Coaching (N=399), Mehrfachantworten waren möglich (Quelle: Rauen et al., 2022)

Es stellt sich die Frage, weshalb das Thema Konfliktmanagement für die Coaching-Praxis derart an Relevanz gewonnen hat. Eine mögliche Erklärung: Im Vorjahr könnten schwelende Konflikte aufgrund anderer, krisenbedingter Herausforderungen unbearbeitet geblieben sein. In der Folge könnten sie an Prägnanz gewonnen haben, sodass ein Ausblenden nicht mehr möglich war. Zudem könnten neue Online-Arbeitsformate und ebenso die Arbeit im Homeoffice bzw. die damit verbundene Remote-Führung mit neuen Konfliktpotenzialen verbunden sein.

Fazit

Die Erhebungen der nächsten Jahre werden zeigen, ob sich die hier dargestellten Entwicklungen fortsetzen können. So wird insbesondere spannend zu beobachten sein, ob der nun klar erkennbare Trend zum Online-Coaching weiter voranschreitet. Die aktuelle Entwicklung mag dies nahelegen, jedoch ist derzeit nicht zu behaupten, das Online-Coaching sei – im engeren Wortlaut – das bevorzugte Format der Coaches. Sicher ist „nur“, dass es das derzeit meistpraktizierte Format ist, denn auch im Erhebungszeitraum bestanden durchaus noch Präsenzhemmnisse. Aus Sicht der Coaches bleibt zudem zu hoffen, dass sich die positiven Anzeichen einer Erholung des Marktes bewahrheiten werden. Nicht zuletzt steht darüber hinaus die Frage im Raum, wie sich der Krieg in der Ukraine und die Energiekrise auf den Coaching-Markt auswirken werden. Man darf daher auf die kommenden Coaching-Marktanalysen gespannt sein.

Weitere Literatur

Rauen, C.; Barczynski, D.; Ebermann, D.; Plath, A. & Tanzil, I. (2022). RAUEN Coaching-Marktanalyse 2022. Abrufbar unter: www.rauen.de/cma

Rauen, C.; Ebermann, D. & Barczynski, D. (2022). Coaching-Honorare und Einkommen der Coaches erneut gesunken. RAUEN Coaching-Newsletter, Juni 2022. Abrufbar unter: www.coaching-magazin.de/beruf-coach/coaching-honorar-gesunken

Rauen, C. (2021). RAUEN Coaching-Marktanalyse 2021. Abrufbar unter: www.rauen.de/cma

Rauen, C. (2020). RAUEN Coaching-Marktanalyse 2020. Abrufbar unter: www.rauen.de/cma

Dr. Christopher Rauen, Diplom-Psychologe, Senior Coach (DBVC), Geschäftsführer der Rauen Group, Initiator und 1. Vorsitzender des Deutschen Bundesverbandes Coaching e.V. (DBVC), Lehrbeauftragter an mehreren Universitäten sowie Leiter der Rauen Coaching-Ausbildung und u.a. Herausgeber des „Handbuch Coaching“ und des „Coaching-Magazins“.

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