Die unbewusste Inkompetenz – was Coaches von Psychotherapeuten lernen können

Pixabay Arek Socha

Viele Coaching-Prozesse scheitern, weil dem Coach die diagnostische Kompetenz fehlt, psychische Probleme zu erkennen oder weil er aufgrund mangelnder Selbsterfahrung wichtige psychologische Phänomene wie die Übertragung nicht kennt.

Eine junge Frau sucht Unterstützung bei einer beruflichen Problematik. Vor etwa einem Jahr habe sie ein Coaching gemacht, danach sei sie weiter telefonisch betreut worden. Dabei sei sie immer wieder massiv aufgefordert worden, endlich das umzusetzen, was doch längst besprochen worden sei. Leider habe sie dennoch nichts unternommen, um ihre Situation zu ändern. Rasch stellt sich heraus, dass die junge Frau aufgrund eines familiären Konflikts seit Jahren schwer depressiv und ernsthaft suizidal ist. Bei ihrem früheren Coach handelte es sich um eine Philosophin, die sich nach eigener Aussage sofort nach ihrem Studium im Bereich Coaching selbständig machte.

Fälle dieser Art begegnen mir seit Jahren immer wieder. Aus der Perspektive einer ursprünglich „gelernten Psychotherapeutin“, die erst später in die Wirtschaft fand, stehe ich der angeblichen Qualifikation von Coaches kritisch gegenüber. So fiel mir auf, dass die Berufsbezeichnung „Coach“ und entsprechende Angebote inflationär zunahmen, nachdem um die Jahrtausendwende der begehrte Titel „Psychotherapeut“ durch das Psychotherapeutengesetz gesetzlich geregelt wurde. Viele Personen, die sich bis dahin gerne mit allen möglichen „Psycho-Kompetenzen“ geschmückt hatten, mutierten plötzlich zum „Coach“. Diejenigen, die sich dazu berufen fühlten, fanden durch den neuen Titel eine Legitimation dafür, die Menschheit (womit auch immer) zu beglücken. Der Beruf eines „Coaches“ vermittelte den Eindruck von Kompetenz, eröffnete eine lukrative Marktnische und war „trendy“, im Gegensatz zum eher verstaubten Psychotherapeuten, der es ja „nur“ mit Kranken zu tun hat.

Ganze Heerscharen von Beratern in spe absolvierten Schmalspur-Coaching-Ausbildungen, manche der Absolventen boten dann anschließend daran sogar selbst Coaching-Ausbildungen an. Angehenden Coaches wurden dort oberflächliches Wissen und isolierte Techniken vermittelt. Viele leiden daher an einem Syndrom, das man am treffendsten mit „unbewusster Inkompetenz“ bezeichnen kann: Sie wissen noch nicht einmal, was sie NICHT wissen. Daher sind sie auch unbelastet von jeglichen – durchaus berechtigten – Selbstzweifeln und treten verblüffend selbstbewusst auf. Natürlich wirkt diese Selbstsicherheit auf Laien oft beeindruckend, aber gerade dann ist – wie man von Goethes Ballade vom „Zauberlehrling“ weiß – Vorsicht geboten.

In der Diskussion um Qualitätskriterien versuchten Anbieter von Coaching-Ausbildungen, ihren Markt zu sichern. Die Kompetenz von Psychologen wird dabei viel zu wenig berücksichtigt. In der allgemeinen Diskussion über Qualitätskriterien für Coaches werden meist – unabhängig von der grundlegenden fachlichen Qualifikation – methodische und technische Kriterien hervorgehoben. Die überprüfte und reflektierte Berufserfahrung in den für Coaching relevanten Tätigkeitsfeldern wird dagegen meist vernachlässigt. Hier sollen zwei weitere Aspekte beleuchtet werden, die trotz ihrer großen Bedeutung in der Regel völlig untergehen.

1. Mangelnde persönliche Eignung des Coaches und fehlende Selbsterfahrung

Vor der Zulassung für die Ausbildung zum Psychotherapeuten werden Kandidaten auf ihre persönliche Eignung für eine solche Tätigkeit hin überprüft. Ziel ist es, herauszufinden, ob sie bereits einen „Ausbildungsstatus“ oder noch einen „Patientenstatus“ haben. Solche Kandidaten müssen dann vor Beginn der Ausbildung zunächst ihre eigenen Probleme bearbeiten; manche Interessenten werden sogar ganz abgelehnt. Es findet also eine echte Selektion statt. Bei der späteren Ausbildung, welche sich über mehrere Jahre hinzieht, müssen angehende Psychotherapeuten durch umfangreiche Selbsterfahrung ihre eigene Geschichte, ihre persönlichen Prägungen und Eigenheiten so weit bearbeiten, dass sie später ihre Probleme nicht mit denen ihrer Klienten verwechseln. 

Um Nicht-Therapeuten eine Vorstellung vom Umfang dieser Selbsterfahrung zu vermitteln: Vor meiner gestalttherapeutischen Ausbildung musste ich zunächst an einer mehrtägigen Gruppe unter Leitung von zwei erfahrenen Lehrtherapeuten teilnehmen und anschlie…

Madeleine Leitner ist Diplom-Psychologin und berät Menschen in beruflichen Umbruchsituationen.