Erfolgreich trotz Psychopathie?

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Ob Manager mit psychopathischen Zügen erfolgreich sind, hängt davon ob, ob es sich um eine primäre oder eine sekundäre Psychopathie handelt. Entscheidend sind die sozialen Fertigkeiten.

„Stellen Sie sich diesen Chef vor: Er hat eine perverse Begierde, andere runterzumachen. Seine Wutanfälle sind legendär. Aussagen wie „Du Arschloch, du machst alles falsch“ kommen stündlich vor. Empathie fehlt ihm zur Gänze. Mit Charme wickelt er Leute ein, wenn es für ihn opportun ist. Er ignoriert die Realität und beansprucht für sich, jemand Besonderer zu sein. Moral zählt nicht. Skrupellos betrügt er seinen besten Freund. Gleichzeitig ist er höchst charismatisch. Nach einer Studie der INSEAD Business School ist dieser Mann der erfolgreichste Manager aller Zeiten: Steve Jobs.“ (Johannes Steyrer, derstandard.at, 7.6.2014)

Sowohl in wissenschaftlichen Fachzeitschriften als auch in den Printmedien und diversen Online-Plattformen wird seit einiger Zeit intensiv über das Thema Psychopathie am Arbeitsplatz diskutiert. Anders als beim Beispiel Steve Jobs, das auch positive Aspekte beinhaltet und zum Teil mit beruflichem Erfolg in Verbindung steht, wird dabei vor allem über die Gefährlichkeit und Schädlichkeit von sogenannten Psychopathen gesprochen, die als abgebrüht, gefühlskalt, reuelos, unehrlich und impulsiv gelten und negative Auswirkungen auf ihre Kolleginnen und Kollegen sowie die gesamte Organisation haben sollen. Diesen Darstellungen liegt ein typologisches Konzept von Psychopathie zugrunde, wonach ein Individuum, wenn es einen bestimmten Schwellenwert der Diagnose überschreitet, als psychopathisch klassifiziert wird. Dieses Ausmaß an Psychopathie liegt aber nur bei schätzungsweise einem Prozent der Bevölkerung vor. 

In der psychologischen Forschung hat es sich daher als sinnvoll erwiesen, mit dimensionalen Konstrukten zu arbeiten und Individuen mit unterschiedlichen Ausprägungen der psychopatischen Persönlichkeitsdispositionen zu untersuchen. Im Einklang mit dieser Entwicklung und der Betrachtung von Individuen mit beispielsweise moderaten Ausprägungen von psychopathischen Dispositionen steht die Frage, ob bestimmte Eigenschaften eines solchen Persönlichkeitsmerkmales im Arbeitsleben eventuell nicht auch nützlich und adaptiv sein können.

Mittlerweile haben sich zunehmend mehr Studien mit der Untersuchung der psychopathischen Persönlichkeitsdispositionen am Arbeitsplatz beschäftigt und auch die Zusammenhänge mit der Arbeitsleistung sowie dem kontraproduktiven Arbeitsverhalten untersucht. Eine metaanalytische Zusammenfassung der Ergebnisse durch Ernest H. O’Boyle Jr. und seinen Kollegen (2012) bestätigte, dass die globale psychopathische Persönlichkeitsdisposition in einem bedeutsamen Zusammenhang…

Professor Dr. phil. habil. Gerhard Blickle, Diplom-Psychologe, Leiter der Abteilung für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie am Institut für Psychologie der Universität Bonn, Bonn.

Dr. Nora Schütte, M.Sc. Psychologie, Senior Consultant für Analysen & Befragungen bei der TÜV Rheinland Akademie in Bonn.