Kognitive Umbewertung: Gut für die Psyche, schlecht für die Firma

Pixabay Gino Crescoli

Die mentale Technik der „kognitiven Umbewertung“ verringert die emotionale Belastung in negativen Situationen und führt zu mehr Zufriedenheit im Job. Sie erhöht aber auch die Bereitschaft zum kontraproduktiven Verhalten am Arbeitsplatz. Das zeigen neue Studien.

Die kognitive Umbewertung gilt als eine der weit verbreiteten Selbsthilfetechniken, die dabei hilft, Stresssituationen anders zu bewerten und damit die negativen Gefühle, die sie auslösen, hinter sich zu lassen.

Das gilt auch im Berufsleben. So haben Studien gezeigt, dass Angestellte, die diese mentalen Techniken nutzen, zufriedener mit ihrem Job und weniger anfällig für Stress und Burnout sind. Es verwundert daher nicht, dass auch zahlreiche Unternehmen ihren Mitarbeitern diese Strategie beibringen und sie dazu ermuntern, sie anzuwenden.

Ein Beispiel dafür ist das Programm “Search Inside Yourself” von Google, das neben der kognitivem Umbewertung auch Techniken und Methoden wie Achtsamkeit, Selbstbewusstheit und Selbstmanagement vermittelt. Entwickelt wurde es 2007 von dem Google-Ingenieur Chade-Meng Tan. Aufgrund der enormen Nachfrage gründete er eine Nonprofit-Organisation und vermittelt die Methoden nun Mitarbeitern zahlreicher Firmen von American Express bis Volkswagen.

Wenn Wohlbefinden schlecht ist

Doch nun haben die Wissenschaftler Matthew Feinberg und Brett Ford von der University of Toronto zusammen mit Francis J. Flynn, Professor of Organizational Behavior an der Stanford Graduate School of Business, in einer Reihe von Experimenten herausgefunden, dass diese Techniken auch negative Nebenwirkungen haben.

“Die kognitive Umbewertung reduziert die negativen Gefühle, indem die Situation positiv betrachtet wird, aber negative Gefühle haben auch wichtige soziale Funktionen“, erklärt Professor Feinberg, der als Postdoctoral Fellow am Center for Compassion and Altruism Research and Education in Stanford geforscht hat. “Sie helfen dabei, dass Individuen in sozial akzeptierter Weise verhalten und Gruppennormen befolgen.“

Bisher habe es keine Forschung zur Auswirkung der kognitiven Umbewertung auf die negativen Gefühle gegeben, die kontraproduktives Verhalten am Arbeitsplatz – wie Diebstahl, Lügen, Unterschlagung oder das Zurückhalten von dringend benötigten Ressourcen gegenüber Kollegen – im Keim ersticken können

Die Forscher führten daher fünf Studien durch, um den Effekt der kognitiven Umbewertung auf „moralische“ Gefühle wie Schuld und Scham zu erfassen, die ethisches Verhalten fördern. Zudem untersuchten sie, wie Mitarbeiter eine Umbewertung manchmal dafür nutz…

Bärbel Schwertfeger ist Diplom-Psychologin, seit 1985 freie Journalistin und Chefredakteurin von WIRTSCHAFTSPSYCHOLOGIE HEUTE.