New-Work-Erfinder Frithjof Bergmann wird 90

Screenshot: New Work - New Culture
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Frithjof Bergmann hat das Konzept New Work erfunden. Am 24. Dezember wird der Philosoph 90 Jahre alt. Anlass genug, ein Interview mit ihm aus dem Jahr 2004 auszugraben.

Unser Jobsystem krankt. Die einen haben die Nase voll vom zunehmenden Stress, die anderen finden keinen Job. Doch wir leiden nicht nur unter dem Turbokapitalismus, sondern auch an der Armut der Begierde, erklärt der Philosophie-Professor Frithjof Bergmann. Wir seien unfähig, unsere Wünsche zu äußern und in eigenen Projekten zu realisieren. Deshalb klammerten wir uns an Jobs, die uns nicht nur unseren Lebensunterhalt, sondern auch unseren Platz in der Gesellschaft sicherten – auch wenn sie noch so unbefriedigend sind. Mit seinem Gegenkonzept der Neuen Arbeit fordert er ein Umdenken.

Sie sprechen vollmundig von der Geburtsphase eines neuen Systems der Arbeit. Was soll sich ändern?

Frithjof Bergmann: Immer mehr Menschen wollen nicht mehr so arbeiten wie bisher. Daher wurden auch viele, die nach dem Absturz der New Economy in Kalifornien pleite waren, nicht depressiv, sondern sie waren erleichtert, dass sie endlich wieder leben konnten. Das war wie für sie wie Aschermittwoch. Endlich war der Karneval vorbei. Heute wollen gerade die wirklich Klugen und Begabten – die Leonardo da Vincis in den Unternehmen –zurück zu einem lebenswerten Leben, in dem Beziehungen und Familie wieder eine Bedeutung haben. Sie haben die Nase voll vom Stress und der Jagd nach mehr Geld und besseren Profiten. Sie wollen nicht mehr ihr Leben opfern für das System und dabei jeden Tag weiter verblöden, um dafür ein paar Wochen Urlaub, eine magere Rente und komplizierte Handys zu kriegen. Das ist einfach ein schlechter Tausch.

Was ist Ihre Alternative?

Frithjof Bergmann: Das Geld, was man wirklich zum Leben braucht, kann man in ein paar Tagen verdienen. Wir müssen weg von der Vorstellung, dass unser Modell der Erwerbsarbeit das einzige ist. Einen Großteil dessen, was wir brauchen, können wir zudem selbst herstellen. Dabei meine ich nicht das Züchten von Gemüse. Mit Hilfe der modernen Computertechnologie können wir heute nicht nur T-Shirts bedrucken, sondern auch Kontaktlinsen, Kleidung oder Kühlschränke herstellen. Kernstück der Neuen Arbeit ist daher die Produktion in kleinen Werkstätten. Dort kann man entweder allein oder in Zentren der Neuen Arbeit zusammen mit anderen intelligentere, schlichtere und billigere Produkte herstellen. Damit kann man nicht nur Geld verdienen, sondern auch Geld sparen. Schließlich brauchen die meisten ein Handy, mit dem sie telefonieren können und nicht den ganzen Schnickschnack, den sie sowieso nicht verstehen. Die Menschen sind dann nicht mehr so abhängig von der Erwerbsarbeit und die wenigen, verfügbaren Arbeitsplätze können gerechter verteilt werden. Zudem bleibt noch Zeit, das zu tun, was man wirklich will.

Das scheint für Sie ein zentraler Punkt zu sein.

Frithjof Bergmann: Die Pathologie unseres Jobsystems besteht ja nicht nur aus Arbeitslosen. Die schlimmste Krankheit ist doch, dass so viele Menschen unter ihrer Begabung arbeiten. Kein Wunder, dass viele mit dem Gefühl leben, halbtot zu sein. Sie wollen daher eine Arbeit, die sie wieder lebendig macht. Nur wenn Menschen das tun, was sie auch wirklich wirklich wollen, sind sie gut und leisten automatisch auch viel mehr. Deshalb ist es auch kompletter Unsinn, wenn man Langzeitarbeitslose Parkbänke streichen lässt. Da sinkt die Stimmung auf Null. Sagt man ihnen dagegen: Wir bauen jetzt einen Betrieb auf, in dem ihr das machen könnt, was ihr wirklich wollt, dann sind sie wie verwandelt und es wird eine unheimliche Motivation und Energie freigesetzt.

Wissen die Menschen denn überhaupt noch, was sie wirklich wollen?

Frithjof Bergmann: Nein, das ist ja das Problem. Wir leiden unter dem, was Hegel als die  Armut der Begierde bezeichnete. Die meisten denken gar nicht mehr nach, was sie wirklich wollen. Sie machen nur noch das, was man eben so macht. Ich fordere die Menschen daher immer auf, mal in Gedanken die letzte Woche durchzugehen und nach einem Erlebnis zu suchen, das bei ihnen einen überraschenden Schock von Lust ausgelöst hat. Diese Übung mache ich seit 25 Jahren mit den verschiedensten Menschen und erlebe immer wieder verblüffende Sachen. Da gab es zum Beispiel einen Fließbandarbeiter, der dann eine Yogaschule aufgemacht hat. Natürlich ist das alles nicht so einfach und deshalb soll es in unseren Zentren der Neuen Arbeit auch Mentoren geben, die den Menschen helfen, ihre Wünsche herauszufinden und umzusetzen. Dort wird es auch eine Fülle von Aufgaben geben. Denn neue Produkte müssen ja nicht nur vermarktet werden, man braucht auch jemand für die Buchhaltung oder Kinderbetreuung. Außerdem bin ich überzeugt, dass es bald Stipendien für Menschen geben wird, die wirklich wissen, was sie wollen. Verschiedene Stiftungen und auch das Arbeitsamt haben bereits Interesse gezeigt.

Gibt es solche Zentren bereits?

Frithjof Bergmann: Natürlich zum Beispiel in Indien und Südafrika und in Freiburg bauen wir auch gerade eines auf. Südafrika ist ein gutes Beispiel dafür, was der Neoliberalismus angerichtet hat. Trotz der erfolgreichen Revolution der Schwarzen geht es dem Land heute viel schlechter. Armut, Arbeitslosigkeit und Gewalttätigkeit sind gestiegen, Sozialleistungen wurden gekürzt. Um neue Arbeitsplätze zu schaffen, hat man den Konzernen großzügige Subventionen gegeben. Aber das macht keinen Sinn.

Aber nur so lassen sich doch Arbeitsplätze schaffen.

Frithjof Bergmann: Leider haben viele Regierungen noch nicht verstanden, dass das Problem der Arbeitslosigkeit so nicht lösen lässt. Wenn Sie große Unternehmen subventionieren, dann nutzen diese das Geld für Verbesserungen, um dann noch mehr Arbeitsplätze abzuschaffen. Dieser verhängnisvolle Mechanismus zerstört alles. Trotzdem leben wir längst in einem Erpressungssystem. Überall auf der Welt wird dasselbe Spiel gespielt und die Unternehmen sagen: Wenn ihr uns keine Steuervorteile gebt, dann gehen wir ins Ausland. Wenn wir so weiter machen, haben wir in einigen Ländern bald 60 bis 70 Prozent Arbeitslose. Der Neoliberalismus hat schon heute einen fürchterlichen Schaden angerichtet. Ich nenne das die „abstürzenden Welt“. Die zunehmende Spaltung zwischen Armen und Reichen wird noch viel gefährlicher werden als der Terrorismus. Schon heute leben 80 Prozent der Menschen in Armut und können sich die Produkte der Konzerne gar nicht leisten.

Und was ist Ihre Lösung?

Frithjof Bergmann: In Südafrika hat man das erkannt und steckt das Geld nicht mehr in Subventionen für die Konzerne, sondern in die befreiende Selbstarbeit. Da sind die schon weiter als in Deutschland. Sie wissen, dass es notwendig ist, dass Menschen etwas arbeiten, sonst verkommen sie und werden kriminell. Neue Arbeit ist da ein guter Ansatz und sie haben mich gebeten, das umzusetzen. Die Menschen blühen auf, wenn man ihnen sagt, ihr könnt selbst einen Kühlschrank oder sogar ein Auto bauen. Das schafft nicht nur Arbeit, sondern auch eine enorme Motivation. Derzeit sind wir gerade dabei, die Herstellung eines Wasserfilter voranzutreiben, den übrigens ein Deutscher erfunden hat und der in Afrika lebensnotwendig sein kann.

Mit einem Wasserfilter können sie aber in Deutschland keinen Blumentopf gewinnen.

Frithjof Bergmann: Natürlich nicht. Es geht ja auch darum, dass sich die Menschen, die Interesse an der Neuen Arbeit haben, besser vernetzen. Wenn man in Südafrika Wasserfilter baut, dann braucht man auch Pumpen und sonstige Dinge. Das könnten dann auch kleinere Unternehmen aus Deutschland machen. Wichtig ist aber, dass ihre Produkte mit der Neuen Arbeit konform sind. Denn es geht nicht darum, dass die Menschen Geld für irgendwelche Produkte ausgeben, sondern dass sie einfachere und billigere Dinge selbst herstellen können und sich damit selbst versorgen können.

Wie ist die Resonanz auf Ihr Konzept?

Frithjof Bergmann: Die Neue Arbeit stößt überall auf eine große Zustimmung. Wenn ich in Ghana, Marokko oder Indien davon erzähle, sind die Leute so fasziniert, dass sie mich nicht mehr gehen lassen wollen. Gerade habe ich in Österreich einige Vorträge gehalten und auch dort waren die Leute wie elektrisiert und wollen kleine Betriebe gründen und sich raffinierter selbst versorgen. Inzwischen bekomme ich weltweit Einladungen von Regierungen, Unternehmern, Investoren oder Rotary Clubs. Die wissen schließlich auch alle, dass es so nicht weitergeht.

Das Interview führte Bärbel Schwertfeger vor 16 Jahren

Über Frithjof Bergmann

Die Erkenntnis kam ihm im Wald. Während seines Philosophie-Studiums an der amerikanischen Elite-Uni Princeton lebte Frithjof Bergmann zwei Jahre als Selbstversorger in den Wäldern von New Hampshire. Doch weil er keine Kettensäge hatte, kostete es ihn viel Schweiß und Zeit, sein Brennholz zu zerkleinern. Dabei wurde ihm klar: Selbstversorgung macht nur Sinn, wenn man dank moderner Technologien alles, was man für ein angenehmes Leben braucht, einfach und mühelos herstellen kann.

Bergmann, der in Sachsen geboren und in Österreich aufgewachsen ist,  verließ den Wald, beendete sein Studium, promovierte über Hegel, wurde Professor für Philosophie und lehrte in Princeton, Stanford, Berkeley und zuletzt in Michigan. 1984 gründet er das erste Zentrum für Neue Arbeit  in der Autostadt Flint in Michigan. Danach entstanden mehrere dieser Zentren in verschiedenen Ländern. Auch im deutschsprachigen Raum gibt es noch heute einige davon.  Informationen findet man auf der Website New Work – New Culture (NWNC) aus Wien.  Dort heißt es: „Inspiriert von Frithjof ist es unser Anliegen, seine Ideen für eine Reorganisation der Arbeit zu dokumentieren, zu kommunizieren und die Umsetzungsversuche zu demonstrieren.“

Dass hinter Bergmanns Konzept eine soziale Bewegung steht, die eine alternative Wirtschaftsform als Grundlage einer neuen Kultur schaffen will, wissen heute nur noch wenige. Der Begriff „New Work“ ist längst zur Worthülse geworden, der dem Marketing und der Kommerzialisierung verschiedenster Angebote dient. Am unverfrorensten wird das von der Mutterfirma Xing SE des beruflichen Netzwerks Xing betrieben, die sich 2019 in New Work SE umbenannt hat und sogar einen umfassenden Markenschutz für die Wort- und Bildmarke „NEW WORK“ beantragt hatte, etwa für Software, Seminare, Dienstleistungen.

Frithjof Bergmann lebt heute in einem Altersheim in Michigan.

AUTOR(EN)

Bärbel Schwertfeger ist Diplom-Psychologin, seit 1985 freie Journalistin und Chefredakteurin von WIRTSCHAFTSPSYCHOLOGIE HEUTE.

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