Coaching-Plattformen: Investoren-Wahn und willige Helfer

Pixabay Gerd Altmann

Investoren buttern Hunderte von Millionen Dollar in Coaching-Plattformen. Doch die brauchen erstmal Aushängeschilder, um ihre Reputation aufzubauen und Kunden zu gewinnen. Willige Helfer gibt es dabei offenbar genug.

„CoachHub, die weltweit führende digitale Coaching-Plattform, hat im zweiten Durchgang seiner Series-B-Finanzierungsrunde 80 Millionen US-Dollar erhalten und damit das gesamte Series-B-Kapital auf 110 Millionen US-Dollar erhöht. Die seit 2019 eingeworbenen Mittel betragen damit insgesamt 130 Millionen US-Dollar“, meldete Coachhub heute.

Das Rattenrennen um Investorengelder geht weiter. Schon allein, dass CoachHub sich als „weltführende digitale Coaching-Plattform“ bezeichnet, zeugt vom üblichen Start-up-Größenwahn.

Dabei ist CoachHub in Sachen Finanzierung ein Zwerg gegen die US-Konkurrenz BetterUp, die vor kurzem ankündigte, nun Europa erobern zu wollen. Die hat laut einem Artikel der Financial Times  erst vor kurzem weitere Investorengelder in Höhe von 125 Millionen Dollar eingesammelt und ihren Marktwert auf sagenhafte 1,73 Milliarden Dollar erhöht. 370 Unternehmen sollen bereits auf das Coaching bei BetterUp setzen, wo die Nutzer über eine App Zugang zu Lesematerial, Leadership Coaching und Eltern-Coaching haben.

Denn Plattformen brauchen den Massenmarkt und der Markt für professionelles Business Coaching dürfte dafür viel zu klein sein. So wird das Start-up immer mehr zum Coaching-Supermarkt für jeden – von der Führungskraft bis zur überforderten Mutter. Und als Aushängeschild hat sich BetterUp vor kurzem Prinz Harry medienwirksam als  „Chief Impact Officer“ geangelt.

Auch die Coaching-Plattform Sharpist (Investorengelder 10 Millionen Euro) hat gerade ein neues Aushängeschild an Land gezogen: das Artop Institut an der Humboldt-Universität zu Berlin. Man arbeite zusammen mit dem Artop Institut aktuell an einem Kooperationsprogramm speziell für Gründer:innen und junge Unternehmer:innen, schreibt Sharpist. Ziel sei es, ihnen vergünstigten Zugang zu digitalem Coaching zu ermöglichen.

Partner bei Artop, das Coaching-Ausbildungen und Coachings anbietet, ist Thomas Bachmann. Der hatte in der Juli-Ausgabe 2020 der Zeitschrift Wirtschaft&Weiterbildung einen klugen Artikel über das Geschäftsmodell der Coaching-Plattformen geschrieben, die derzeit versuchen, den Coaching-Markt zu erobern. Darin hatte er aufgezeigt, dass die Plattformen zunächst auf Referenzen und renommierte Partner aus dem Coaching-Bereich angewiesen sind, um sich ihre Reputation aufzubauen und Kunden zu generieren. „Diese Abhängigkeit kehrt sich schließlich um, wenn das Wachstum und damit die Dominanz einer Plattform in ihrer Branche deutlich zunimmt“, schrieb der Psychologe.

„Plattformen zerstören“, heißt es weiter in Bachmanns Artikel. Ihre Entwicklungsdynamik und die dahinterstehenden Kapitalquellen zeigten deutlich, dass die Logik der Plattform und die Logik ihrer Produkte oder Leistungen meist zwei verschiedene Paar Schuhe sind. „Daher wird es auch niemals das primäre Interesse der Plattformen sein, die Produkte zu verbessern, weiterzuentwickeln oder ethischen Gesichtspunkten zu unterwerfen, und wenn dann nur, wenn es ihren Interessen dient“, so Bachmann.

Doch noch braucht man die „Referenzen“. Auch CoachHub hat seine Aushängeschilder vor kurzem erweitert und neben dem Professor der SRH Hochschule Berlin, Carsten Schermuly,  den „führenden Experten für Positive Psychologie“ (Eigenwerbung), Professor Nico Rose, ebenfalls Professor an einer privaten Fachhochschule, in ihr „Science Board“ geholt.

Auch BetterUp-Gründer Alexi Robichaux beschäftigte sich intensiv mit der Arbeit von Martin Seligman, dem Gründer der Positiven Psychologie. Und bei der Suche nach einer Veränderung seines Lebens verbrachte er laut FT auch neun Monate bei den vor allem in den 1990er Jahren umstrittenen Psychotrainings Landmark Forum.

In einem Artikel durchleuchtete das Magazin The Spectator  vor kurzem das fragwürdige Coaching-Geschäft. Dort heißt es: “The modern coaching industry is to Sigmund Freud what Ronald McDonald is to Auguste Escoffier. Workers are sliced and diced into profiles through digital astrology. Corporations love this because it promises to raise productivity and reduce healthcare costs.” Und weiter: “It’s almost painful to think that Prince Harry believes his enlistment as a corporate mascot will have a positive impact on mental health in the boardrooms and call centres of America, when the only impact of him serving as the credulous face of a dodgy and shoddily regulated industry will be to embarrass his family once again.”

Bärbel Schwertfeger ist Diplom-Psychologin, seit 1985 freie Journalistin und Chefredakteurin von WIRTSCHAFTSPSYCHOLOGIE HEUTE.