Ideologisch gekapert: Der Klauk-Eklat der Zeitschrift „Wirtschaftspsychologie“

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Der federführende Herausgeber der Zeitschrift Wirtschaftspsychologie übergeht seine Mit-Herausgeber und publiziert einen Beitrag über eine fachlich umstrittene Studie zur Intelligenz von Migranten von Bruno Klauk. Der Verleger ergänzt die Studienergebnisse in einer Rundmail mit den wissenschaftlich nicht haltbaren Erkenntnissen eines rassistischen Forschers. Ein Psychologieprofessor kritisiert die Bedienung rassistischer Stereotype. Die Mit-Herausgeber treten zurück. Das Ganze eskaliert. Herausgeber, Verleger und Autor sehen die Freiheit der Wissenschaft bedroht. Ein Lehrstück über die ideologische Instrumentalisierung von Wissenschaft, starrsinnige alte Männer und jede Menge Manipulation.

Bruno Klauk hat eine steile Karriere gemacht. Bisher war der Professor an der Hochschule Harz für angewandte Wissenschaften in Wernigerode in Sachsen-Anhalt in Forscherkreisen weitgehend unbekannt. Der letzte Eintrag bei PSYNDEX ist ein Artikel als Co-Autor in der (nicht-wissenschaftlichen) Fachzeitschrift Personalführung von 2015 zum Thema Resilienz. Doch nun steht er seit Monaten im Mittelpunkt eines Eklats und die Zeitschrift Wirtschaftspsychologie widmete seiner Migranten-Studie gleich eine ganze Ausgabe.

Es beginnt im März 2019. Damals stellte Klauk auf der 23. Fachtagung der Gesellschaft für angewandte Wirtschaftspsychologie (GWPs) in Berlin erste Ergebnisse seiner Intelligenzmessung bei Migranten vor. Kurz danach wurde das Thema von Medien aus dem rechten Spektrum aufgegriffen.

Am 19. März 2019 veröffentlichte die „Junge Freiheit“ einen Artikel mit der Überschrift „Einwanderer auf Niveau von Hauptschülern.“ Dort heißt es. „Mittels einer mehrmonatigen Studie auf Grundlage einer Stichprobe mit über 500 freiwilligen Asylsuchenden ermittelte Klauk einen durchschnittlichen Intelligenzquotienten von 90 – der damit nur minimal über dem deutscher Hauptschüler liegt. Besonders auffällig sind die geringen Werte bei Einwanderern aus Schwarzafrika, während solche aus Osteuropa tendenziell überdurchschnittlich abschneiden.“ Und weiter: „Die Befunde Klauks widersprechen indirekt der Darstellung etlicher Medien, Politiker und Vertretern der Wirtschaft. So hatte zum Beispiel Daimler-Chef Dieter Zetsche verkündet: „Die meisten Flüchtlinge sind jung, gut ausgebildet und hoch motiviert“ und überdies von einem möglichen „neuen Wirtschaftswunder“ durch sie gesprochen.“

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Das Ergebnis der Studie wird also sofort politisch instrumentalisiert. Soweit, so erwartbar. Doch woher stammt das angebliche Zitat von Zetsche: „Die meisten Flüchtlinge sind jung, gut ausgebildet und hoch motiviert“? Der Link in dem Artikel der „Jungen Freiheit“ führt zu einem anderen Artikel der Zeitung. Doch dort findet man das Zitat nicht. Dort steht lediglich: „Der Vorstandsvorsitzende von Daimler, Dieter Zetsche, sah in der Einwanderung eine Grundlage für das nächste deutsche Wirtschaftswunder – „so wie die Millionen von Gastarbeitern in den fünfziger und sechziger Jahren ganz wesentlich zum Aufschwung der Bundesrepublik beigetragen haben“.

Diese – angebliche – Aussage von Ex-Daimler-Chef ist später auch eine zentrale Aussage von Klauk in seinem Beitrag: „Der Autor möchte aber keinen Zweifel an seiner Position lassen: Auf Basis von über 500 geführten Einzelgespräche mit Migranten an 40 Testtagen hat er nicht den Eindruck, dass sich mit den nach Deutschland migrierten Personen die Fachkräfteproblematik ad hoc lösen lässt. Die von Daimler-Chef Dieter Zetsche geäußerte Vorstellung, die Einwanderung könne „eine Grundlage für das neue deutsche Wirtschaftswunder“ werden (FAZ 2015), sieht der Autor nicht.“

Auf die Frage, ob er das Zitat aus dem Artikel der „Jungen Freiheit“ übernommen habe oder ob sich die „Junge Freiheit“ dabei auf seinen damaligen Vortrag bei der GWPs bezieht, antwortet Klauk: „Das Zetsche-Zitat ist zu einem geflügelten Wort in der Migrationsdebatte geworden. Zusammenhänge zwischen irgendwelchen Vorträgen und irgendwelchen Berichterstattungen sehe ich nicht.“

Es lohnt sich daher, genauer hinzuschauen, wo die Aussage herkommt. Der Satz geht auf einen Artikel in der FAZ am 15. September 2015 zurück, also zum Höhepunkt der Flüchtlingskrise, bei der vor allem syrische Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Dort heißt es: „Mehr als 800.000 Menschen in Deutschland aufzunehmen, sei eine Herkulesaufgabe, sagte Zetsche am Montagabend im Vorfeld der IAA in Frankfurt. ´Aber im besten Fall kann es auch eine Grundlage für das nächste deutsche Wirtschaftswunder werden – so wie die Millionen von Gastarbeitern in den 50er und 60er Jahren ganz wesentlich zum Aufschwung der Bundesrepublik beigetragen haben.´ Natürlich sei nicht jeder Flüchtling ein brillanter Ingenieur, Mechaniker oder Unternehmer, so Zetsche. Aber wer sein komplettes Leben zurücklasse, sei hoch motiviert. `Genau solche Menschen suchen wir bei Mercedes und überall in unserem Land.`“

Zetsche sagte laut FAZ also: „Im besten Fall“ könne es „auch“ eine Grundlage für das nächste deutsche Wirtschaftswunder werden. Und er schränkt zudem ein: „Natürlich sei nicht jeder Flüchtling ein brillanter Ingenieur, Mechaniker oder Unternehmer.“

Neben der „Jungen Freiheit“ griffen auch andere Medien aus dem rechten Spektrum Klauks Studie auf. Der Deutschland Kurier schrieb: „Die meisten Flüchtlinge sind jung, gut ausgebildet und hoch motiviert. Diese Aussage, seit 2015 von den Mainstream-Medien, Politikern und Vertretern der Wirtschaft während der sogenannten „Flüchtlingskrise“ getroffen, bewahrheitet sich laut einer aktuellen Studie nicht einmal im Ansatz. Die Mehrheit der Immigranten bewegt sich intellektuell auf dem Niveau von Hauptschülern. Die dringend benötigten Fachkräfte werden durch diese Gruppe nicht gestellt werden, vielmehr sind schwerwiegende Integrationsprobleme vorprogrammiert.“

Und weiter: „Damit bestätigt Klauk die Erkenntnisse des Entwicklungspsychologen Prof. Heiner Rindermann. Dieser erwähnt die Intelligenzunterschiede und vererbungsbedingt geringe soziale Mobilität verschiedener Bevölkerungsgruppen in einem Rundfunkinterview im Deutschlandradio. Hierbei stellte er dar, dass demnach der Durchschnitts-IQ der universitären Elite eingewanderter Araber bei 93 IQ-Punkten liege.“ Auch Thilo Sarrazin habe für sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ die Arbeiten von Rindermann und Detlef Rost als wichtige Quellen genutzt. „Rindermann und Rost beurteilten Sarrazins Ausführungen zu psychologischen Aspekten als mit dem aktuellen Stand der Wissenschaft kompatibel“, so der Deutschland Kurier.

Auch Klauk bezieht sich in seiner Studie auf Rindermann und kommt zu dem Ergebnis, dass der IQ am stärksten „von der Weltregion, aus der jemand zugewandert ist“ abhängt.

Nun bedarf es keiner aufwändigen Recherche, um herauszufinden, dass Klauk ein aufmerksamer Leser der „Jungen Freiheit“ ist. Da genügt ein Blick in sein Facebook-Profil. Die „Junge Freiheit“ steht nicht nur unter „gefällt mir“, Klauk verweist auch öfter auf ihre Artikel. Interessant ist auch ein Kommentar bei der „Jungen Freiheit“

Wer Klauks Facebook-Posts liest, kann sich selbst ein Bild über die Person machen. So ist er ein vehementer Gegner des Tempolimits, hasst die Grünen und Klimaaktivisten, bezeichnet Kapitänin und Flüchtlingsretterin Carola Rackete als „kriminelle Wassertaxi-Chefin“ und steht – vorsichtig ausgedrückt – der Flüchtlingspolitik und Flüchtlingen nicht gerade positiv gegenüber. Das alles ist natürlich sein gutes Recht, aber im Zusammenhang mit dem folgenden Eklat nicht ganz unwichtig.

Klauk nächster Auftritt erfolgte auf der 11. Fachtagung der Fachgruppe Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) 2019. Dort hielt er am 26. September ein Forschungsreferat zum Thema „Kulturell reduzierte Intelligenzdiagnostik bei Migranten“. Zwar fand eine Teilnehmende den Vortrag nicht angemessen, aber ansonsten sind keine Probleme bekannt.

Dabei ist die Intelligenzforschung in der Wissenschaftsgeschichte schon lange ein heikles Thema. „Viele prominente Intelligenzforscher unterhielten Kontakte zu Rechtsradikalen. Intelligenztests wurden systematisch benutzt, um soziale Unterschiede zu biologisieren und Rassismus zu rechtfertigen – mit Hilfe einfacher Zirkelschlüsse und Korrelationen, die als Kausalität ausgegeben wurden“, schreiben Leonie Knebel und Pit Marquardt in ihrem Buchbeitrag Vom Versuch, die Ungleichwertigkeit von Menschen zu beweisen“.

Der Eklat

Der eigentliche Eklat begann am 20. Februar 2020 und damit einen Tag nach dem Attentat von Hanau, bei dem neun Menschen mit Migrationshintergrund ermordet wurden und der Attentäter in seinem später gefundenen Manifest schrieb, gewisse „Volksgruppen, Rassen und Kulturen“ seien „in jeglicher Hinsicht destruktiv“ und müssten daher „komplett vernichtet“ werden.

Ausgerechnet an diesem Tag verschickte der Verleger der Zeitschrift Wirtschaftspsychologie, Wolfgang Pabst, eine Mail an rund „600 Personen aus der Wirtschafts-Psychologie-Community“ mit einem Hinweis auf einen Beitrag von Klauk in der neuesten Ausgabe in der Fachzeitschrift (Das Heft 4/19 erschien erst Ende Januar 2020).

Der Zeitpunkt sei Zufall gewesen, erklärte Pabst. Bemerkenswert ist, dass er sich in seiner Mail auf den 2012 verstorbenen Psychologen Philippe Rushton und seine als rassistisch und fehlerhafte geltende Forschung zu Intelligenz und Rasse bezieht.

So schreibt die psychologische Fakultät der Western University in Kanada, an der Rushton lehrte, in einem im Juni 2020 bestätigtem Statement (Hervorhebungen durch WP HEUTE) : „Although Rushton published on a variety of topics in the field of personality and individual differences, much of his research was racist, and attempted to find differences in intelligence between racialized groups and to explain them as caused by genetic differences between races.

Und weiter: „In addition to ethical concerns about the nature and funding of his research, Rushton’s work is deeply flawed from a scientific standpoint. Rushton’s works on “race and intelligence” are based on an incorrect assumption that fuels systemic racism, the notion that racialized groups are concordant with patterns of human ancestry and genetic population structure. This idea is rejected by analysis of the human genome: racialized groups are not distinct genetic populations. What Rushton described as “races” are a socially created categories, and do not reflect patterns of human inheritance or genetic population structure.“

Warum Pabst ausgerechnet zu dem Klauk-Beitrag eine seiner seltenen Rundmails verschickte, begründet er so: „Ich fand die Studie gesellschaftspolitisch relevant, weil sie sowohl der Position von Sarrazin widerspricht.“ Und weiter: „Der Artikel eignet sich dazu, rassistische Vorurteile zu widerlegen: Er testiert Migranten einen IQ-Mittelwert, der auch in der deutschen Allgemeinbevölkerung gemessen wird (IQ ca. 100).“

Rassistische Vorurteile werden also widerlegt, indem Klauk eine „Hierarchie“ durchschnittlicher Intelligenz je nach Weltregion bestätigt fand, bei der Migranten aus Schwarzafrika mit deutlichem Abstand am schlechtesten abschnitten? Und Pabst zudem auf die rassistische Forschung von Rushton verweist? Bringt der weit über 70-Jährige Verleger hier etwas durcheinander?

Schock bei den Herausgebern

Als Annette Kluge von der Email und dem Beitrag erfuhr, fiel sie aus allen Wolken. Denn die Professorin am Lehrstuhl Wirtschaftspsychologie der Ruhr-Universität Bochum war zwar eine von fünf Herausgebern der Zeitschrift, wusste aber ebenso wie ihre Kollegen nichts von dem Beitrag. „Es gibt im Pabst Verlag leider kein digitales Submission-System, bei dem jeder Herausgeber sehen kann, welche Beiträge wo in dem Review-Prozess sind“, sagt Kluge. Schon mehrmals in der Vergangenheit sei der Verlag daher von den Herausgebern gebeten worden, ein entsprechendes System einzuführen und so den Einreichungs- und Begutachtungsprozess zu professionalisieren und in digitalisierter Form transparenter zu machen. Die Kommunikation sei daher über Emails gelaufen und man habe auf der Basis eines gegenseitigen Vertrauens darauf, dass alle die gleichen wissenschaftlichen und ethischen Standards teilen und vertreten, gearbeitet, so die Psychologin.

Bei den Themenheften (in Heft 4/2020 ging es um ein Schwerpunktheft zum Thema Finanzpsychologie mit einem sogenannten Gastherausgeber) sei jeweils ein Herausgeber für das Heft hauptverantwortlich. In diesem Fall sei das der federführende Herausgeber Lorenz Fischer gewesen, ein seit langem emeritierter Professor der Universität Köln. Wenn es zusätzlich noch sogenannte Varia-Beiträge gab, die unabhängig vom Themenheft eingereicht und begutachtet wurden, seien diese je nach noch verfügbarem Platz in das Heft integriert worden. Der Klauk-Beitrag sei in diesem Fall ebenso wie das Themenheft von Fischer allein betreut worden, so Kluge. Eingereicht hatte Klauk seinen Beitrag am 10. Juli 2019 bei Herrn Fischer (Herr Pabst wurde „in cc“ gesetzt).

Fischer habe die beiden Gutachter bestimmt und allein über die Annahme des Beitrags entschieden – ohne die anderen Herausgeber darüber zu informieren. Doch der eigentliche Fehler im System sei schon vorher passiert: Normalerweise seien die Varia-Beiträge von Herrn Fischer und dem Mit-Herausgeber Professor Theo Wehner gemeinsam vorab angeschaut und auf die Passung zu dem sogenannten Aim & Scope der Zeitschrift geprüft worden. Doch Wehner habe diese Einreichung nie gesehen.

Kein Wunder, dass sich die Herausgeber daher getäuscht fühlten. „Wir haben Herrn Fischer und Herrn Pabst mehrmals gefragt, warum wir nicht über diese brisante Thematik informiert wurden“, so Kluge. Gerade in diesem Fall hätte das Thema (sowohl das der Forschungsfreiheit als auch das der Tonalität und Fokus des Artikels) und die vertretenen Thesen besonders feinfühlig behandelt und gemeinsam mit den anderen Herausgebern über eine Annahme oder Ablehnung entschieden werden müssen. Die Antwort von Pabst und Fischer sei jedoch stets gewesen, das wäre eben die Freiheit von Forschung und Lehre und außerdem habe man doch alles richtig gemacht.

Besonders unangenehm war es für den Mit-Herausgeber Professor Fabian Christandl, der sich bei dem Heft insbesondere um die Betreuung der finanzpsychologischen Beiträge gekümmert und zeitgleich auch noch ein weiteres Themenheft „Entwicklungstendenzen der Führungsforschung“ mitbetreut hat. Zusätzlich hatte er die Kommunikation mit den Autoren der restlichen Beiträge übernommen, ohne hier aber selbst eine inhaltliche Prüfung vorzunehmen bzw. die Beiträge zu lesen. Er leitete lediglich die Rückmeldungen der Gutachter sowie die Entscheidung des verantwortlichen Herausgebers an die Autoren weiter. Diese Form der Arbeitsteilung habe sich in den letzten Jahren so ergeben, schreibt Christandl, Professor für Wirtschafts- und Sozialpsychologie.

Auch er kannte den Beitrag daher nicht, hätte ihn aber – im Gegensatz zu den anderen drei Herausgebern – lesen können. „Ich hatte mich – wie bei anderen Varia-Beiträgen auch – auf die Entscheidung und Einschätzung der verantwortlichen Herausgebenden und der Begutachtenden verlassen“, so Christandl. Inzwischen bedauere er es sehr, dass er an dieser Stelle seiner wissenschaftlichen Sorgfaltspflicht nicht besser und gründlicher nachgekommen sei und den Beitrag (mit Entsetzen) erst gelesen habe, nachdem dieser gedruckt und die Diskussion gestartet war. Allerdings wäre Christandl auch in einer schwierigen Situation gewesen, wenn er Kritik an dem von Fischer begutachteten und akzeptierten Beitrag geübt hätte. Denn Fischer hatte seine Doktorarbeit mitbetreut.

Der Rigotti-Brief

Einen Tag nach der Pabst-Mail, am 21. Februar, verschickte Thomas Rigotti, Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz einen Brief an die Herausgeber und den zwölfköpfigen wissenschaftlichen Beirat der Zeitschrift und bat sie um eine Stellungnahme. In der begleitenden Mail schrieb er: „Gestern haben wir von der Publikation des Beitrages „Intelligenzdiagnostik bei überwiegend Nicht-EU-Migrantinnen und -Migranten. Ergebnisse einer empirischen Studie mit einem kulturfairen Messverfahren“ von Bruno Klauk in der Zeitschrift Wirtschaftspsychologie erfahren. Wir sind, offen gestanden, schockiert, dass diese Studie bei der Zeitschrift Wirtschaftpsychologie zur Publikation angenommen wurde.“

In dem Brief geht er auf fachliche Mängel ein und kritisiert unter anderem die „Haupthypothese“, dass „Unterschiede hinsichtlich der Anzahl der gelösten Aufgaben in Abhängigkeit von Geburtsland und Weltregion“ bestehen. „Diese Hypothese bleibt theoretisch unbegründet und ist im engsten Wortsinne diskriminierend“, so Rigotti, der auch schon Gastherausgeber bei der Zeitschrift war. „Als Herausgebende tragen Sie die Verantwortung, dass dort publizierte Inhalte wissenschaftliche und ethische Standards einhalten. Dieser Verantwortung sind Sie mit der Annahme dieser Studie nicht gerecht geworden.“ Zudem forderte er die Herausgebenden auf, den Beitrag zurückzuziehen. Unterschrieben ist der Brief von fünf weiteren Psychologen an der Uni Mainz.

Weiter heißt es:

Eine weitgehend gleichlautende Stellungnahme verfasst er auch als Sprecher der Fachgruppe Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie bei der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs). Darin forderte er zudem: „Die editorischen Prozesse der Zeitschrift Wirtschaftspsychologie müssen nun neu organisiert werden und wir hoffen, dass dieser Vorgang zu klaren und transparenten Regeln führt.“

Rücktritt der Herausgeber

Nachdem die Herausgeber bei ihren Gesprächen mit Pabst und Fischer weiter auf Granit bissen und Pabst auch keine Bereitschaft zeigte, den Review-Prozess zu verbessern, erklärten die vier Herausgeber (Fabian Christandl von der Hochschule Fresenius Köln, Michael Dick von der Universität Magdeburg, Annette Kluge von der Ruhr-Universität Bochum und Theo Wehner von der Eidgenössische Technischen Hochschule Zürich) am 29. Februar gegenüber dem Beirat die Niederlegung ihrer Herausgeberschaft:

Das Verhalten von Fischer und Pabst zeige, dass sich etwas Ähnliches zukünftig wiederholen könnte, sagt Ex-Herausgeberin Kluge. Am meisten störe sie, dass sich die beiden ungeachtet der legitimen konträren Wahrnehmung der Mit-Herausgeber über die Handhabung des Artikels, dessen wissenschaftliche Qualität und inhaltliche Färbung, uneinsichtig und resistent gegenüber Kritik und Feedback zeigten – koste es, was es wolle.

In der Tat sind sich Pabst und Fischer bis heute keiner Schuld bewusst. „Es wurden keine Regeln umgangen, niemand wurde hintergangen. Es wurden keine üblichen Prozessschritte ausgeschaltet. Wie bei „Wirtschaftspsychologie“ üblich waren zwei Herausgeber involviert (Hervorhebung von WP HEUTE) und zwei externe kompetente Gutachter (double-blind-review). Das Manuskript wurde Herrn Prof. Klauk zur Überarbeitung zurückgegeben und in der revidierten Form veröffentlicht“, schreibt Pabst und Fischer stimmt dem zu.

Auf die Frage, wer denn der zweite involvierte Herausgeber war (denn gelesen hatte den Beitrag ja kein anderer), schweigt Fischer auch auf mehrfache Nachfrage beharrlich. Dafür schreibt er: „Die eigentlichen „Treiber“ der Diskreditierungskampagne gegen Herrn Klauk bleiben offenkundig lieber im Verborgenen.“ Die eigentlichen Treiber? Diskreditierungskampagne gegen Herrn Klauk? Kommt nun die beliebte Verschwörungstheorie?

Rassismus-Vorwürfe gegen Fischer

Bleibt die Frage, warum der Beitrag für Fischer offenkundig so wichtig war, dass er seine Mit-Herausgeber überging und damit ein Zerwürfnis riskierte. Bei der Recherche stößt man auf den Artikel „Rassismus im Hörsaal“ in  der Studentenzeitschrift Philtrat der Universität Köln von 2008. Dort heißt es: 150 Studierende hörten zu, wie Professor Lorenz Fischer vom Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialpsychologie referierte. Niemand erhob Einspruch, als er Menschen unterschiedlicher Hautfarbe einer weißen und einer schwarzen „Rasse“ zuordnete. Schwarze nannte Fischer „Neger“. (Die folgende Passage wurde nach einem Rechtsstreit entfernt. – Anm.d.Red.) Das alles steht in einer Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Fischer, die VertreterInnen des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) bei der Unileitung einreichten, nachdem ihnen Studierende über die Vorlesung berichtet hatten. Das Ergebnis der Beschwerde: Die Uni richtet eine Ombudsstelle ein. Sie wird mit einer Vertrauensperson besetzt, an die sich demnächst Studierende wenden können, die Diskriminierung erfahren oder beobachten. Für Professor Fischer jedoch blieb die Dienstaufsichtsbeschwerde folgenlos. Nandiose (Name geändert) war bei der Vorlesung die einzige Schwarze im Hörsaal. Sie forderte den Professor nach der Sitzung in einer E-Mail dazu auf, seine Aussagen vor dem Plenum richtigzustellen. Doch Fischer weigerte sich. „Es ist für einen Deutschen merkwürdig, von Nicht-Deutschen erklärt zu bekommen, was deutsche Begriffe zu bedeuten haben“, antwortete er der Deutschen mit dem afrikanischen Namen. Anstatt seine Äußerungen zu korrigieren, argumentierte Fischer in der nächsten Vorlesung, das Wort „Neger“ sei in der deutschen Sprache „völlig wertfrei“.

Und weiter: „Es ist nicht das erste Mal, dass Fischer des Rassismus bezichtigt wird. Schon vor ein paar Jahren hatte eine Studentin ihn rassistischer Äußerungen beschuldigt, wie er selbst angibt.“

Auf die Frage, ob er noch heute zu seinen rassistischen Äußerungen stehe, antwortet Fischer (Jahrgang 1944): „Vielleicht noch eine Anmerkung zu den „Rassistischen“ Äußerungen: Einige (studentische) Publizist/inn/en haben für den von Ihnen verbreiteten Unsinn (für ihre Verhältnisse wohl viel) Strafe gezahlt (Anm. von WP HEUTE: Fischer hatte die Löschung einer Aussage gefordert). Was übrig blieb: Ich habe den Begriff „Rasse“ als Wahrnehmungskategorie in Zusammenhang der Analyse von Vorurteilen verwendet. Die Verwendung dieses (auch im Grundgesetz gebrauchten) Begriffs hielt Frau M. (Anm. von WP HEUTE: Fischer schreibt den Namen aus) für rassistisch. Und der Rektor (und sein Justitiar) folgten ihr!!“

Eine Distanzierung von seinen damaligen Ansichten lässt darin nicht unbedingt erkennen. Verleger Pabst weist jegliche Vorwürfe gegen Fischer zurück: „Ich kenne Herrn Professor Fischer seit fast einem Viertel Jahrhundert, und wir tauschen uns regelmäßig aus. Ich kann vor diesem Hintergrund mit Sicherheit ausschließen, dass er rassistisch denkt.“

Weitere Vorträge von Bruno Klauk

Obwohl die Sache also Ende Februar hohe Wellen schlug, trat Klauk Anfang März bei der 24. Fachtagung der GWPs auf und referierte über „Kulturfaire Intelligenzdiagnostik bei Migranten“. Man habe erst eine Woche vor dem Kongress in Stuttgart von den kontroversen Diskussionen im Verlag um den Artikel erfahren, erklärt GWPs-Präsident Professor Christian Dries. Die Kritik von Professor Rigotti sei ihm am 25. Februar durch den Pabst Verlag zur Kenntnis gebracht worden. Die Aufnahme der Vorträge läge in der Entscheidung der Kongressausrichter. Zumindest sei es in der kurzen Woche vor dem Kongress noch gelungen, den Vortrag von Bruno Klauk in Stuttgart entsprechend kritisch zu begleiten. Er selbst habe dem Vortrag beigewohnt und sich an der Diskussion selbstverständlich beteiligt.

Kurz darauf trat Klauk am 7. März auf Fachtagung der Sektion Politischen Psychologie des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen zum Thema „Kulturfaire Intelligenzdiagnostik bei Migranten“ auf.

Zwei Vorträge bei der GWPs, einer auf der Fachtagung AOW und einer beim BDP – Klauk bekam also reichlich Gelegenheit, seine Studie unter Kollegen bekannt zu machen.

Extra-Ausgabe

Damit könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein. Doch Pabst und Fischer setzen noch eins drauf. Und verkünden in der nächsten Ausgabe „den kontroversen, vertiefenden Sachdiskurs zum Thema“ mit mehreren Beiträgen von Wissenschaftlern zu führen. 19 Beiträge zum Pro und Contra haben Fischer und Pabst zusammengestellt. Das Problem: In etlichen Beiträgen geht es nicht in erster Linie um die wissenschaftliche Auseinandersetzung, sondern um die ideologisch-politische Positionierung. Der eigentliche Auslöser, nämlich das Übergehen der Mit-Herausgeber und der unklare Review-Prozess, wird einfach tot geschwiegen. So schreibt Fischer in Bezug auf den Rigotti-Brief:

Das ist schon ziemlich dreist. Denn der einzig involvierte Herausgeber war Fischer selbst. Er hat auch die Gutachter ausgewählt und die Veröffentlichung beschlossen, ohne seine Mit-Herausgeber dabei einzubeziehen.

Auf jeden der Texte näher einzugehen, würde den Rahmen sprengen. Daher werden exemplarisch je zwei Pro und Contra-Beiträge herausgegriffen.

So schreibt der bei Klauk zitierte und umstrittene Heiner Rindermann, Psychologieprofessor der Technischen Universität TU Chemnitz (Hervorhebung durch WP HEUTE): „Warum äußern sich hier Wissenschaftler in einer andere herabsetzenden Weise, obwohl sie offensichtlich nicht die Literatur kennen? Zunächst gibt es eine „IQaphobia“, „Fear of measuring intelligence because one believes that only Nazis and Eugenicists do that“ (Jussim, 2020). Hinzu kommt, dass das akademische Milieu in den Sozialwissenschaften extrem links geprägt ist. Nach Inbar und Lammers (2012) wird die Psychologie von in etwa 70 bis 95 Prozent Linken dominiert. Linke, die die Mehrheit stellen (Verhältnis ca. 8 : 1 bis 14 : 1), gaben offen zu, Andersdenkende zu diskriminieren. In einem solchen Milieu wird Qualität nicht mehr als notwendig angesehen. Vorrangig ist, die herrschende Meinung zu bedienen. Erlauben Sie mir, es in bildlicher Sprache zu formulieren: In diesem Milieu meint man, wer nach links aufs Papier kotzt, wird gedruckt. Bekommt Beifall. Kommt damit durch. Wir brauchen dagegen mehr Wissenschaftlichkeit, mehr epistemische Rationalität, weniger politische Ideologie!“

Der Rigotti-Skandal

Heinrich Wottawa, emeritierter Professor der Ruhr-Uni Bochum und Experte für Eignungsdiagnostik, wiederum ist außer sich über den Brief von Professor Rigotti und sieht darin den eigentlichen Skandal. Er hält seinen Brief für eine „massive intellektuelle Fehlleistung, wenn auch vermutlich aus achtenswerten Motiven und dadurch bedingt starken Emotionen heraus.“ Er könne sich nicht erinnern, „seit 1981 eine solche Dichte von Fehlaussagen auf zwei Seiten gelesen zu haben“, so der 72-Jährige. Dazu – und nur dazu – habe er den Beitrag  „Welche Art von Einflussnahmen im Wissenschaftssystem wollen wir?“ geschrieben. Er sehe in diesem Vorfall ein sehr bedauerliches Beispiel dafür, wie sich manches an Bekämpfung von „abweichenden“ Meinungen an Hochschulen wiederholt, was er 1968ff noch persönlich erlebt habe.

Erbost ist Wottawa auch, dass Rigotti schreibt, die Studienergebnisse seien vom politisch rechten Lager instrumentalisiert worden und sich dabei auf Berichte in der „Jungen Freiheit“ und der „Volksstimme“ bezieht. Der Vorwurf der Unterstützung des Feindes sei „wegen der stark stigmatisierenden Wirkung eine sehr beliebte rhetorische Kampftechnik“. Schließlich könne man den Autor nicht dafür verantwortlich machen, wenn Medien über seine Studie berichten. Ausführlich geht er dabei auf die „Volksstimme“ ein, die in der Tat nicht zum rechten Lager gehört und in der auch kein Artikel zu der Studie zu finden ist.

Hier hatte sich Rigotti schlicht vertan. Er kenne die Volksstimme nicht und habe sie irrtümlicherweise dem rechten Lager zugeordnet, schreibt er. Dies ändere aber nichts an der Feststellung, dass die Studie von Klauk in rechten Medien aufgegriffen wird. Allerdings hatte er darum gebeten, den Verweis auf die Volksstimme in der im Heft abgedruckten Stellungnahme der DGPs zu streichen. „Diesem Wunsch wurde nicht entsprochen, mit der Begründung, dass bereits in anderen Beiträgen darauf Bezug genommen wurde“, so Rigotti.

Wottawa echauffiert sich also ausführlich – zu Recht – über die Zuordnung der Volksstimme zum rechten Lager, die schlicht ein Irrtum war, was ihm jedoch von Pabst verschwiegen wurde. Korrekt wäre es gewesen, die Passage zu streichen oder zumindest mit einer Fußnote zu versehen. Steckt dahinter nur Schlamperei? Oder passte es so eben besser in die Linie von Pabst und Fischer?

Professor Lothar Schmidt-Atzert, bis 2017 Professor für Psychologische Diagnostik an der Philipps-Universität Marburg, zerlegt in seinem Beitrag nicht nur die Ergebnisse („Die oben zitierte Aussage, dass sich die nach Deutschland migrierten Personen im Durchschnitt auf einem intellektuellen Niveau bewegen, das in etwa dem von Hauptschülern entspricht, ist also definitiv falsch.“), er kritisiert auch die – bereits mehrfach kritisierte – Aussage Klauks: „Auf Basis von über 500 geführten Einzelgesprächen mit Migranten an 40 Testtagen hat er nicht den Eindruck, dass sich mit den nach Deutschland migrierten Personen die Fachkräfteproblematik ad hoc lösen lässt.“ Er schreibt: „Eine solche Meinung ließe sich in der Diskussion einer wissenschaftlichen Studie nur vertreten, wenn Belege dafür vorliegen. Klauk berichtet jedoch keine empirischen Belege in Form von Verhaltensbeobachtungen oder Interviewaussagen, die seinen „Eindruck“ stützen. Es handelt sich eben nur um einen „Eindruck“, der für die Leserinnen und Leser seiner Publikation nicht nachvollziehbar ist.“

Linkskultureller Imperativ

Auch Klauk, der sich von so viel Aufmerksamkeit geschmeichelt fühlt, ist mit einem Beitrag vertreten, in dem er kräftig gegen seine Kritiker austeilt. Dabei zeigt schon die Überschrift seines Beitrags, dass es längst nicht mehr um eine fachliche Auseinandersetzung geht: „Der linkskulturelle Imperativ der Gleichheit. Stellungnahme in eigener Sache zur Klauk-Kontroverse.“

Dabei wird es aber seltsam. So schreibt er: „Die Kritik von Schröders & Wilhelm sei ebenfalls in Teilen schlecht recherchiert. Die Zeitschrift Wirtschaftspsychologie ist gewiss nicht, wie behauptet, `ein Organ der Sektion Wirtschaftspsychologie im Bundesverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP)`“. Mal abgesehen davon, dass es überhaupt keinen Bundesverband gibt, sondern nur einen Berufsverband, taucht die angeblich falsche Behauptung in dem Beitrag überhaupt nicht auf. Hatte Klauk eine andere Version vorliegen? Oder ist es der bekannte Trick: Man kritisiert etwas Nebensächliches, um den Kritiker unglaubwürdig zu machen und so von seiner eigentlichen Kritik abzulenken?

Die zur Veröffentlichung vorgesehenen Beitrage seien ihm zur Verfügung gestellt worden. Er vermute, dass den Autoren vor der finalen Veröffentlichung der Fehler aufgefallen ist, schreibt Klauk. Nur warum wurde es dann später vom Verlag nicht korrigiert? Schlamperei? Absicht?

In ihrer Kritik beschreiben Ulrich Schröders von der Universität Kassel und Oliver Wilhelm von der Universität Ulm die Fehler und Unzulänglichkeiten des Beitrags auf der theoretischen, diagnostisch-messtheoretischen, statistisch-methodischen und einer wissenschaftsethischen und gesellschaftspolitischen Ebene und kommen zu dem Schluss, dass die Ergebnisse des Berichts „theoretisch nicht gedeckt“, die Befunde aus diagnostisch-methodischer Perspektive weder robust noch belastbar sind und die Einbettung mit den berufsethischen Richtlinien des BDP und der DGPs unvereinbar sind. Deswegen hätte der Beitrag ihrer Ansicht nach nicht publiziert werden sollen.

Bizarr wird es bei Klauks Anmerkung: „Ist es ein Zufall, dass sich bei der Schreibweise der Geschlechter der sog. Genderstern (z.B.“Mitarbeiter*innen) nur bei meinen Kritikern wiederfindet? Für die einen steht er als Symbol für mehr Gleichheit, für die anderen ist er linkskulturelle Gesinnungsorthographie.“

Erhellend ist auch die Zusammenfassung des Verlegers Wolfgang Pabst. Darin schreibt er: In der Ausgabe 4/2019 hielt ich den Beitrag von Bruno Klauk für den relevantesten und interessantesten. Im Text für die Rundmail habe ich die aktuellen Studienbefunde durch den Hinweis auf ältere Untersuchungen (Rushton,1990) ergänzt. Klauk kannte den Text vor der Verbreitung nicht.“

Tatsächlich kommt der als rassistisch angesehene Rushton in dem Klauk-Beitrag nicht vor. „Ich kannte ihn bis zur Rundmail durch Herrn Pabst gar nicht“, schreibt Klauk. „Bitte schieben Sie mir keinesfalls `den Rushton unter`.“ Und weiter: „Bitte beachten Sie unbedingt, dass ich in meinem Artikel an keiner Stelle Aussagen über die Intelligenz der Bevölkerung in den Herkunftsländern mache. Im Fokus stehen Aussagen über meine Stichprobe, nach Deutschland migrierte Personen.“

Das stimmt allerdings nicht so ganz. Denn nach Klauks Forschungsergebnissen hängt der IQ am stärksten „von der Weltregion, aus der jemand zugewandert ist“ ab. Und er ordnet den Begriff „Weltregion“ der Kategorie „Nature“ (versus „Nurture“) zu, die er aber erst auf Wunsch des anonymen Gutachters zugefügt haben will – wie Martin Niggeschmidt herausgefunden hat und in seinem Artikel schreibt.

„Bruno Klauk wurde letztlich AfD-nahe Agitation unter pseudowissenschaftlichen Deckmantel unterstellt. Der verantwortliche Editor wurde eines insuffizienten Reviewverfahren bezichtigt“, schreibt Pabst und verweist auf die Gegenbewegung gegen den „teilweise als Mobbing und Shitstorm empfundenen Umgang mit dem Autor“. Auch an anderen Klauk-Verteidigern prallt die fachliche Kritik an dem Beitrag ab. So schreibt Wottawa in einer Email zu dem neuen Heft: „Nach diesen Beiträgen kann wohl wirklich nur noch ein `Fanatiker mit Tunnelblick` behaupten, dass die Arbeit von Klauk schlecht oder gar rassistisch sei.“ Und Klauk selbst appelliert an die Autorin: „Ist die Beschneidung der Wissenschaftsfreiheit durch den Kollegen Rigotti vielleicht eine seriöse Berichterstattung wert?“

Dass ein Wissenschaftler eine Studie – unabhängig von seiner politischen Vorortung fachlich kritisiert – scheint für Klauk und seine Befürworter offenbar undenkbar. Stattdessen gilt: Jeder, der die Studie kritisiert, ist links. Und jede Kritik ist ein Angriff auf die Freiheit von Forschung und Lehre.

Dabei ist es eigentlich völlig normal, dass sich Wissenschaftler auf einer fachlichen Ebene über eine Studie streiten. Nur wird hier auf unterschiedlichen Ebenen gespielt. Statt um die fachliche oder zwischenmenschliche Ebene (Übergehen der Herausgeber), geht es vor allem auch um die ideologisch-politische Ebene, bei der sich Klauk – unterstützt von Herausgeber Fischer und Verleger Pabst – in der Opferrolle sieht.

Und nun?

Was bleibt sind jede Menge Verletzungen, Enttäuschungen, Fassungslosigkeit und verlorenes Vertrauen. Am meisten schaden dürfte der Vorfall dabei der Zeitschrift Wirtschaftspsychologie, zumal Fischer als derzeitiger Allein-Herausgeber und Pabst als Verleger starrköpfig dabei bleiben, alles richtig gemacht zu haben und daher auch nichts ändern wollen. Doch wer will nach diesem Eklat für eine Zeitschrift schreiben, die keinen klaren und transparenten Review-Prozess hat und bei der der Allein-Herausgeber schalten und walten kann, wie er will?

Profitiert hat davon allenfalls Bruno Klauk, der sich nun im Scheinwerferlicht der übergroßen Aufmerksamkeit sonnt und weitere Unterstützung bekommt. So konstatiert das als rechtspopulistisch eingestufte Meinungsmagazin „Tichys Einblick“ ganz in seinem Sinne: „Ein Aufsatz in der Fachzeitschrift „Wirtschaftspsychologie“ oder vielmehr die Aufregung über sein Erscheinen offenbart, dass Wissenschaftsfreiheit längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist.“

Akademische Freiheit als Feigenblatt für wissenschaftlich fragwürdige und diskriminierende Konzepte? Bei der kanadischen Western University gibt es in der Stellungsnahme zur Forschung von Philippe Rushton dazu ein klares Statement: „Academic freedom and freedom of expression are critical to free scientific inquiry. However, the notion of academic freedom is disrespected and abused when it is used to promote the dissemination of racist and discriminatory concepts. Scientists have an obligation to society to speak loudly and actively in opposition of such abuse.“

AUTOR(EN)

Journalistin | Website

Bärbel Schwertfeger ist Diplom-Psychologin, seit 1985 freie Journalistin und Chefredakteurin von WIRTSCHAFTSPSYCHOLOGIE HEUTE.