Sag ich`s oder nicht? Chronisch krank im Job

Pixabay Gerd Altmann

Viele Beschäftigte mit chronischen Erkrankungen stehen vor der Frage, ob sie auf der Arbeit darüber sprechen sollen. Ein wissenschaftlich fundiertes Online-Tool unterstützt sie bei ihrer Entscheidung.

Rund 40 Prozent der Menschen in Deutschland leben mit mindestens einer chronischen Erkrankung. Hierzu zählen beispielsweise Krebserkrankungen, Diabetes, Rheuma oder psychische Erkrankungen, aber auch coronare Herzerkrankungen, Multiple Sklerose (MS) oder chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn, Auch wenn die Wahrscheinlichkeit chronischer Erkrankungen mit dem Alter zunimmt, berichten bereits rund 20 Prozent der unter 30-Jährigen chronisch erkrankt zu sein, wie Daten des Robert Koch-Instituts zeigen (Güthlin, Köhler & Dieckelmann, 2020).

Obwohl das Thema also allein aufgrund der hohen Anzahl Betroffener große Relevanz hat, ist es in vielen Unternehmen noch „unsichtbar“. Einer der Gründe dafür ist, dass auch ein Großteil der Beeinträchtigungen unsichtbar ist und viele Beschäftigte bevorzugen, Vorgesetzten oder Kolleginnen und Kollegen erstmal nichts von der Erkrankung zu erzählen.

Allerdings gibt es im Laufe des Arbeitslebens immer wieder Anlässe, die Betroffene vor die Entscheidung stellen, ihre Erkrankung doch anzusprechen. Beispielsweise wenn Verschlechterungen der gesundheitlichen Situation oder Veränderungen der Arbeitsaufgaben dazu führen, dass sie ihre Arbeit nicht mehr so wie früher bewältigen können und ihre Arbeitsfähigkeit gefährdet ist. Dies stellt Betroffene vor einen Entscheidungskonflikt, bei dem Hoffnungen auf positive Konsequenzen (z. B. Anpassungen des Arbeitsplatzes, Unterstützung durch Vorgesetzte und das Kollegium sowie die Erleichterung, die Erkrankung nicht mehr verstecken zu müssen) Ängsten vor Stigmatisierung, Sonderbehandlung oder gar einer Gefährdung des Arbeitsplatzes gegenüberstehen.

Relevanz des sozialen Arbeitsumfelds

Psychologische Entscheidungstheorien gehen davon aus, dass Menschen in Entscheidungssituationen mögliche positive und negative Konsequenzen der verschiedenen Optionen gegeneinander abwägen. Dabei berücksichtigen sie zusätzlich, wie wahrscheinlich das Eintreten der unterschiedlichen Konsequenzen ist und welchen Stellenwert das Eintreten der jeweiligen Konsequenzen für ihr Leben hat. Je mehr mögliche Konsequenzen es gibt und je schwerer abzuschätzen ist, ob sie eintreten werden oder nicht, desto komplexer ist die Entscheidung und desto schwieriger ist es für Betroffene sich zu entscheiden.

Die Frage, ob man auf der Arbeit über die eigene chronische Erkrankung sprechen soll, ist vor diesem Hintergrund als hochkomplexe Entscheidung einzuordnen, da das Eintreten der verschiedenen positiven und negativen Konsequenzen von einer Vielzahl individueller, rechtlicher und beruflicher Rahmenbedingungen abhängt und mit Unsicherheit behaftet ist. Darüber hinaus sind einige der potentiellen Konsequenzen für Betroffene von sehr weitreichender Bedeutung, wie z. B. ein möglicher Verlust finanzieller Absicherung oder sozialer Einbindung. Die Entscheidung kann daher für Betroffene schnell zur Überforderung werden.

Um mehr darüber zu erfahren, wie Betroffene die Entscheidung für oder gegen eine Offenlegung treffen, befragte das Projektteam 274 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit chronischen körperlichen oder psychischen Erkrankungen mittels Online-Fragebogen zu ihren Erfahrungen. Rückblickend sollten sie verschiedene Fragen dazu beantworten, wie es war, als sie darüber nachgedacht haben, ob sie in ihrem Arbeitsumf…

Dr. Jana F. Bauer, Diplom-Psychologin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Arbeit und berufliche Rehabilitation der Universität zu Köln

Professorin Dr. Dr. Mathilde Niehaus, Diplom-Psychologin, Professur für Arbeit und berufliche Rehabilitation an der Universität zu Köln

Veronika Chakraverty, M.Sc. Psychologie, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Arbeit und berufliche Rehabilitation der Universität zu Köln

Anja Greifenberg, M.Sc. Psychologie, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Arbeit und berufliche Rehabilitation der Universität zu Köln