Warum so wenige Forscher zu Gründern werden

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Eine Studie der Technischen Universität München liefert neue Erkenntnisse zu psychologischen Faktoren im Gründungsprozess

An guten Ideen und Technologien mit Potenzial für neue Produkte und Dienstleistungen mangelt es Wissenschaftlern oft nicht. Dennoch sind Ausgründungen aus der Wissenschaft in Deutschland selten. Der Grund sind nicht selten psychologische Faktoren.

Das Entrepreneurship Research Institute der Technischen Universität München (TUM) erforschte nun erstmals, welche psychologischen Faktoren den Gründungsprozess bei Wissenschaftlerinnen beeinflussen.

Drei Jahre lang befragten und beobachteten die Forscher deutschlandweit akademische Gründer. Für die Studie wurde eine Online-Umfrage unter 128 Gründungsteams durchgeführt, 52 Teams in einem experimentellen Setting und Teilnehmer mehrerer Makeathons beobachtet sowie Gründungsteams und Gründungsberater im Inkubator der TUM befragt.

Das Ergebnis: Damit Forscherinnen zu erfolgreichen Gründern werden, müssen sie drei wesentliche Punkte berücksichtigen:

1. Unternehmerisches und wissenschaftliches Denken vereinen
Entscheiden sich Wissenschaftler für eine Gründung, müssen sie die Kluft zwischen der akribischen Denkweise als Forscher und der pragmatischen Herangehensweise als Unternehmer überwinden. Vielen fällt dies schwer. Sie legen ihren Fokus auf die Entwicklung ihrer Technologie und weniger auf die Erfüllung von Kundenbedürfnissen.

2. Klare Prozesse verbessern die Zusammenarbeit
Erfolgreiche Gründer schaffen es, Wissen aus verschiedenen Disziplinen mithilfe klarer Arbeitsprozesse zusammenzuführen. Interdisziplinäre Gründungsteams konnten von ihren unterschiedlichen Expertisen profitieren, wenn sie ihr Wissen mit Hilfe von fest vereinbarten Austauschformaten teilten. Hier gibt es noch großen Nachholbedarf: Nur einem Drittel der untersuchten Teams gelang es, das vorhandene Expertenwissen der einzelnen Mitglieder vollständig zu nutzen.

3. Mit spielerischen Formaten begeistern und mit individuellem Coaching unterstützen
Hochschulen starten die Entrepreneurship-Ausbildung am besten spielerisch. Interdisziplinäre Formate wie Makeathons, bei denen Gründungsteams über einen Zeitraum von drei Tagen bis zwei Wochen eine unternehmerische Idee und ein Produkt entwickeln, vermitteln nicht nur Wissen, sondern vor allem Spaß an Unternehmertum. Der spielerische Charakter hilft dabei, erste unternehmerische Fertigkeiten wie gute Planung und Denkweisen wie die Nutzerorientierung zu entwickeln. Viele Teilnehmerinnen identifizieren sich nach dieser Lernerfahrung stark mit der Rolle als Unternehmerin und setzen ihre Gründungsidee um.

„Die Studie macht klar, dass gute Ideen oftmals an der Einstellung und ungeklärten Konflikten im Gründungsteam, Emotionen und Frustrationen scheitern”, erklärte Henneke Lütgerath, Vorstandsvorsitzender der Joachim Herz Stiftung, die die Studie finanzierte.  Die Ergebnisse sollen daher helfen, neue Lehr- und Trainingsformate zu entwickeln und so die Anzahl und den Erfolg der Unternehmensgründungen aus der Wissenschaft zu steigern.

Neuer Forschungsansatz mit interdisziplinärem Team

Für ihre Studie bauten die Psychologin Nicola Breugst, Professorin für Entrepreneurial Behavior, und Holger Patzelt, Professor für Entrepreneurship, ein interdisziplinäres Forschungsteam aus den Bereichen Anthropologie, Entrepreneurship, Psychologie und Wirtschaftswissenschaften auf. Die verschiedenen Herangehensweisen ermöglichten es, Forschungs- und Datenerhebungsmethoden neu zu kombinieren und den Forschungsgegenstand aus unterschiedlichen Perspektiven zu untersuchen.

„Gründungsteams, die ernsthaft mit ihrer Gründung weiterkommen wollen, brauchen eine individuelle Förderung”, so Professorin Breugst. Zudem sei ergänzend zur Beratung zu wirtschaftlichen Aspekten auch ein persönlichkeits- und teamorientiertes Coaching ratsam. Das helfe, bei Konflikten und Unstimmigkeiten zwischen den Teammitgliedern zu vermitteln und Kompetenzen aufzubauen, damit Scheitern im Team nicht zu einem Firmenscheitern führe. Das zeigten die Ergebnisse deutlich.

Die Erkenntnisse der Studie erfordern auch ein Umdenken bei der Gründungsförderung an Hochschulen. Denn viele Gründungsberater betreuen über 20 Teams gleichzeitig und daher bleibt ihnen wenig Zeit, neben der wirtschaftlichen Beratung auch auf psychologische Dynamiken in den Gründungsteams einzugehen. Zudem stellen manche Gründungsteams im Beratungsgespräch ihren Fortschritt – teils unbewusst – zu positiv dar. Berater, die für teampsychologische Effekte und ihre Auswirkungen sensibilisiert sind, können Widersprüche in der Selbstdarstellung von Teams leichter erkennen und frühzeitig handeln. Voraussetzung dafür ist aber auch die räumliche Nähe zu den Gründungsteams und ein Methoden-Training für die Berater, das praxisorientiert vermittelt, wie man teampsychologische Effekte und ihre Auswirkungen erkennen und moderieren kann.

Weitere Informationen unter: https://forschenundgründen.de sowie www.joachim-herz-stiftung.de

 

 

Bärbel Schwertfeger ist Diplom-Psychologin, seit 1985 freie Journalistin und Chefredakteurin von WIRTSCHAFTSPSYCHOLOGIE HEUTE.