Wirtschaftspsychologie: Master mit Tücken

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Berufsbegleitende Master-Studiengänge in Wirtschaftspsychologie sind gefragt. Doch ihre Inhalte sind äußerst unterschiedlich und nicht selten ist ein Bachelor-Absolvent höher qualifiziert als ein Master. Interessenten und Unternehmen sollten daher genau hinschauen, rät Psychologie-Professor Uwe Kanning.

Die Zahl der Master-Studiengänge in Wirtschaftspsychologie steigt seit Jahren. Was versteht man eigentlich unter Wirtschaftspsychologie? 

Wirtschaftspsychologie ist eine Disziplin der Psychologie, die sich mit dem Berufs- und Arbeitsleben beschäftigt. Klassische Themen sind zum Beispiel Personalauswahl, Führung, Mitarbeitermotivation, Arbeitszufriedenheit und manchmal auch Werbung und Marketing. Dabei greift man auch auf die Grundlagenfächer der Psychologie wie etwa Sozialpsychologie oder Persönlichkeitspsychologie zurück. Es geht darum, dass man Erkenntnisse und Methoden aus der Psychologie im beruflichen Feld anwendet und daraus einen praktischen Nutzen zieht. Studierende erfahren zum Beispiel, wie ein gutes Auswahlverfahren aussieht oder welche Inhalte eine Führungskraft in einem Führungstraining lernen sollte. Psychologie ist eine empirische Wissenschaft. Das heißt, wir orientieren uns an Forschungsergebnissen. Das ist der Markenkern der Wirtschaftspsychologie.

In der „Wirtschaftswoche“ hieß es vor ein paar Monaten, Wirtschaftspsychologie sei die am stärksten wachsende Teildisziplin der Wirtschaftswissenschaften.

Das ist falsch. Allerdings glaube ich, dass dieses Missverständnis unter Wirtschaftswissenschaftlern durchaus verbreitet ist. Dass Wirtschaftspsychologie keine Disziplin der Wirtschaftswissenschaften ist ergibt sich schon aus der Bezeichnung. Wirtschaftspsychologie ist eine Disziplin der Psychologie. Ebenso wie zum Beispiel die medizinische Psychologie. Hier betreibt man ja auch keine Medizin, sondern Psychologie. Dies lässt sich auch historisch zurückverfolgen. Was wir heute Wirtschaftspsychologie nennen, heißt an den Universitäten klassischerweise Arbeits- und Organisationspsychologie. Das Fach gibt es seit Anfang der 90er Jahre bundesweit an allen Unis, die ein Psychologiestudium anbieten. Damals wurde es in die Rahmenstudienordnung des Diplom-Studiums für Psychologie aufgenommen und war fester Bestandteil des Studiums. Dabei konnte man sich in der Regel erst nach dem Vordiplom für Arbeits- und Organisationspsychologie als Vertiefungsfach der Psychologie entscheiden. Den ersten eigenständigen Studiengang in Wirtschaftspsychologie gab es vor 20 Jahren an der Fachhochschule in Wernigerode im Harz. Heute stellen Wirtschaftswissenschaftler oder Hochschulen Wirtschaftspsychologie mitunter als Disziplin der Wirtschaftswissenschaften dar, weil die Wirtschaftspsychologie ein positives Image hat und viele Studienbewerber anzieht, davon möchte man verständlicherweise profitieren.

Früher gab es nur ein Diplom in Psychologie, wofür man mindestens acht Semester oder vier Jahre studieren musste. Heute bekommt man den Master in Wirtschaftspsychologie teils schon in drei Semestern. Ist das von der Qualifikation her überhaupt noch vergleichbar?

Ein Problem entsteht, wenn Master-Studiengänge keinen Bachelor in Wirtschaftspsychologie voraussetzen, sondern nur irgendeinen Bachelor. In diesem Fall haben die Studierenden nicht einmal die Chance, das zu lernen, was man in einem dreijährigen Bachelor in Wirtschaftspsychologie lernt, schon allein, weil die Zeit dafür nicht reicht. Da sitzen dann im ersten Semester Teilnehmer, die völlig unterschiedliche Vorkenntnisse haben. Wenn ich aus den Geistes- oder Sozialwissenschaften komme, die nicht empirisch arbeiten, verstehe ich den Hintergrund der vieler Studien überhaupt nicht. Denn dazu benötige ich ein Grundwissen der Mathematik und Psychologie. Das bedeutet, die Hochschulen müssen dann bei null anfangen, genauso wie im ersten Semester eines Bachelor-Studiums und erst einmal erklären, was eine Korrelation, die Big Five oder Attribution sind. Da bleibt dann natürlich keine Zeit mehr, um in die Tiefe zu gehen. Am Ende habe ich zwar einen Master in Wirtschaftspsychologie, der vom akademischen Titel her vorgaukelt, höherwertiger als ein Bachelor in Wirtschaftspsychologie zu sein. Das ist er aber nicht. Er liegt im Niveau wahrscheinlich sogar unter dem eines Bachelors. Das heißt: Wenn der Master wirklich höherwertig im Fach Wirtschaftspsychologie sein soll, muss ich zwingend einen Bachelor in Wirtschaftspsychologie oder Psychologie voraussetzen, also einen konsekutiven Master anbieten. Nur dann kann ich auf dem Wissen des dreijährigen Studiums aufbauen und noch ein Schippchen drauflegen beziehungsweise mehr in die Tiefe gehen. Sonst wird der Master schnell zur Mogelpackung.

Das sieht aber nicht jeder so. Für die Gesellschaft für angewandte Wirtschaftspsychologie, in der vor allem private Fachhochschulen vertreten sind, ist Wirtschaftspsychologie eine Kombination von Psychologie und Wirtschaft und setzt zwingend Module in Wirtschaftswissenschaften voraus.

Das halte ich für falsch. Das Fach Wirtschaftspsychologie an sich ist zunächst eine Disziplin der Psychologie. Es gibt überhaupt keine Notwendigkeit, jetzt auf einmal zu sagen, das Fach sei per se interdisziplinär. Ein Studium der Wirtschaftspsychologie ist nicht die 37. Variante eines BWL-Studiums. Interdisziplinarität im Studium ist in Maßen sicher hilfreich, aber nicht zwingend notwendig. Interdisziplinarität darf nicht dazu führen, dass wir multiprofessionelle Dilettanten ausbilden. Es bringt nichts, das klare Kompetenzprofil der Wirtschaftspsychologie aufzuweichen.

 

Interdisziplinäre Studiengänge – auch in Wirtschaftspsychologie – findet man vor allem an Fachhochschulen. Sind die denn grundsätzlich schlecht?  

Nein. Es ist nichts daran auszusetzen, wenn ein Studiengang mindestens 70 Prozent psychologische Module hat und man dazu noch etwas Betriebswirtschaft oder Arbeitsrecht anbietet, damit die Absolventen im Unternehmen besser zurechtkommen. Das halte ich durchaus für sinnvoll und das kann auch eine Stärke des Fachhochschul-Studiums gegenüber dem Uni-Studium sein. Die Interdisziplinarität hat aber durchaus so ihre Tücken, beispielsweise, wenn aus der BWL-Perspektive mitunter Dinge unterrichtet werden, die aus psychologischer Sicht empirisch falsch sind. So habe ich schon öfter mitbekommen, dass BWLer die Maslowsche Bedürfnispyramide als eine aktuelle Theorie lehren, die beschreibt, wie der Mensch funktioniert. In der Psychologie weiß man seit Jahrzehnten, dass die Theorie die Realität falsch abbildet. Es handelt sich um eine rein histo…

Bärbel Schwertfeger ist Diplom-Psychologin, seit 1985 freie Journalistin und Chefredakteurin von WIRTSCHAFTSPSYCHOLOGIE HEUTE.