WIRTSCHAFTSPSYCHOLOGIE HEUTE
Online Magazin für wirtschaftspsychologische Themen – fundiert, praxisrelevant und kritisch

Wer bewusst genießt, ist zufriedener

pixabay Angel Glen

Auf dem Sofa faulenzen oder sich ein gutes Essen gönnen: Vergnügen und kurzfristig ausgerichteter Genuss tragen mindestens genauso zu einem zufriedenen Leben bei wie Selbstkontrolle, die es für das Erreichen langfristiger Ziele braucht. Das ist die Erkenntnis einer neuen Studienreihe der Universität Zürich und der Radboud Universität in Nijmegen.

Die Forscherinnen plädieren dafür, dass Hedonismus in der Psychologie mehr Wertschätzung erfährt. Bisher hat sich die Wissenschaft bereits viel damit beschäftigt, wie wir unsere langfristigen Ziele besser und effektiver verfolgen können und dabei festgestellt: Selbstkontrolle hilft uns, langfristige Ziele über kurzfristiges Vergnügen zu stellen und führt in der Regel zu einem zufriedeneren und erfolgreicheren Leben.

Doch es sei Zeit umzudenken, sagt Katharina Bernecker, Motivationspsychologin an der Universität Zürich. Natürlich sei Selbstkontrolle wichtig für ein Leben, das als sinnhaft und erfolgreich empfundenen wird. Die Forschung zur Selbstregulation sollte jedoch dem kurzfristigen Vergnügen und der Fähigkeit zu genießen genauso Aufmerksamkeit schenken. Denn die Fähigkeit, lustvolle Aktivitäten zu genießen, trage mindestens ebenso viel zur Lebenszufriedenheit bei wie eine gute Selbstkontrolle.

Bernecker und ihre Forschungspartnerin Daniela Becker von der Radboud Universität entwickelten einen Fragebogen, der die hedonistische Fähigkeit misst: die Fähigkeit also, unmittelbaren Bedürfnissen und kurzfristigem Vergnügen nachzugehen und dies zu genießen. Anhand des Fragebogens untersuchten sie in verschiedenen Kontexten, ob sich Menschen in dieser Fähigkeit unterscheiden und wie sich dies auf ihr Wohlbefinden auswirkt.

Anzeige

Dabei zeigte sich, dass sich gewisse Menschen in Genuss- oder Entspannungsmomenten gedanklich ablenken lassen, indem sie an Aktivitäten oder Aufgaben denken, die sie stattdessen erledigen sollten. “Man liegt also auf dem Sofa und will sich erholen, denkt aber trotzdem ständig daran, dass man doch eigentlich Sport treiben sollte”, erklärt Becker. “Der Gedanke an das langfristige, an Selbstkontrolle gekoppelten Ziel untergräbt so das unmittelbare Bedürfnis, sich zu entspannen.” Menschen hingegen, die sich dem Genuss ungeteilt hingeben können, erleben nicht nur kurzfristig mehr Wohlbefinden, sondern weisen generell eine höhere Lebenszufriedenheit auf und erleben unter anderem auch weniger Depressions- und Angstsymptome.

“Das Verfolgen kurzfristig-hedonistischer Genussziele einerseits und langfristiger Erfolgsziele anderseits steht jedoch nicht im Widerspruch zueinander”, betont Bernecker. Im Gegenteil: “Unsere Forschung zeigt, dass für ein zufriedenes und erfolgreiches Leben beide Fähigkeiten wichtig sind sich gegenseitig ergänzen. Es gilt, im Alltag die richtige Balance zu finden.”

Sich einfach häufiger einen Abend auf dem Sofa, ein gut gutes Essen oder ein Bier mit Freunden zu gönnen, führt also nicht automatisch zu mehr Zufriedenheit. “Die Forschung ging immer davon aus, dass Hedonismus im Vergleich zur Selbstkontrolle die leichtere Wahl ist”, so Bernecker. Doch von dieser Wahl vollumfänglich zu profitieren, ohne gedanklich abgelenkt und im Genuss gestört zu werden, sei offenbar nicht ganz so leicht.

Das zeige sich derzeit auch im Home-Office zeigen: Die Umgebung, in der man sich normalerweise erholt und genießt, wird plötzlich auch mit Arbeit und Leistung in Verbindung gebracht. Gedanken an ausstehende Aufgaben können die Erholungsphasen so einfacher durchkreuzen und beeinträchtigten. Das bewusste Einplanen bestimmter Genusszeiten im Alltag könnte daher helfen, sie klarer von anderen Tätigkeiten abzugrenzen und so ungestörter auszukosten.

Katharina Bernecker und Daniela Becker (in press). Beyond self-control: Mechanisms of hedonic goal pursuit and its relevance for well-being. Personality and Social Psychology Bulletin. 27 July 2020. DOI: 10.1177/0146167220941998

 

Bärbel Schwertfeger ist Diplom-Psychologin, seit 1985 freie Journalistin und Chefredakteurin von WIRTSCHAFTSPSYCHOLOGIE HEUTE.