Die Kunst des Konflikts. Konflikte schüren und beruhigen lernen

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Konflikte sind allgegenwärtig und unvermeidlich – sie begleiten uns durch unser persönliches und berufliches Leben. Doch wäre eine Welt ohne Konflikte besser?

Klaus Eidenschink, als Diplom-Theologe, Organisationsberater und Coach tätig, legt dar, dass die Art und Weise, wie wir mit Konflikten umgehen, maßgeblich die Qualität unserer Beziehungen und unseres Lebens beeinflusst.

Der Autor macht darauf aufmerksam, dass wir oft die Rationalität unseres eigenen Handelns in Konflikten überschätzen, während wir die anderen Parteien schnell als starrsinnig oder unintelligent betrachten. Eidenschink führt aus, dass das Lösen und Bewältigen von Konflikten häufig durch unsere eigenen Emotionen und Vorurteile erschwert wird, was eine konstruktive Lösung herausfordernd macht.

Das Buch gibt fundierte und verständliche Einblicke in den Umgang mit Konflikten aus einem systemischen Blickwinkel, wobei Konflikte als Ergebnisse von Interaktionen und Beziehungen innerhalb sozialer oder organisatorischer Systeme angesehen werden. Es wird betont, dass Konflikte nicht einfach „gelöst“, sondern nur bis zu einem bestimmten Grad gemanagt und reguliert werden können.

Eidenschink thematisiert auch, wie unverarbeitete Gefühle Konflikte anheizen können und dass Gefühle unser Denken stärker beeinflussen können als umgekehrt. Dies führt zu der Erkenntnis, dass Konflikte auch dazu dienen können, unser psychisches System zu regulieren. Der Autor verneint die Annahme, dass Konflikte grundsätzlich schlecht seien. Vielmehr haben sie eine wichtige Funktion in der Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung sozialer Systeme und müssen sowohl innerpsychisch als auch kommunikativ reguliert werden.

Um die Vielfalt der Konfliktarten zu kategorisieren, präsentiert Eidenschink eine 18 Teile umfassende Konfliktmatrix, die Entscheidungen über den Umgang mit Konflikten erleichtern soll. Diese Matrix beinhaltet typische Verhaltens- und Kommunikationsformen und berücksichtigt drei Dimensionen von Konflikten: die Sachdimension, die Sozialdimension und die Zeitdimension, welche alle mit verschiedenen Eskalations- oder Deeskalationspotenzialen verbunden sind.

Weiterhin stellt der Autor fest, dass jede stabile Ordnung nur temporär ist und dass der Weg der schnellen Verständigung oft eine Illusion sei. Anstatt Konflikte überstürzt zu lösen, sollten Streit oder Konsens funktionale Schritte zur Weiterentwicklung darstellen. Es sollten Spielräume aufgezeigt und genutzt werden. Bei dysfunktionalen Konflikten, wo keine Bewegung stattfindet, schlägt Eidenschink vor, die Kosten auf verschiedenen Ebenen zu bewerten, anstatt nach einfachen Lösungen zu suchen.

Konsens wird nicht als das ultimative Ziel angesehen, da sowohl Konsens als auch Konflikt je nach Kontext notwendig oder schädlich sein können. Konflikte zeigen eine Eigendynamik, die grundsätzlich nicht kontrollierbar ist, was die Bedeutung der Entwicklung von Kompetenzen für ein adäquates Konfliktmanagement unterstreicht. Eidenschink vergleicht Konflikte mit dem Immunsystem des sozialen und ökologischen Zusammenlebens. Um in der Bildsprache zu bleiben, sind auch unangenehme Reaktionen wie Fieber manchmal notwendig und Zeichen einer funktionierenden Immunantwort.

Abschließend erklärt der Autor Klaus Eidenschink das Konzept der Resonanz in Konflikten und macht deutlich, dass er sich dabei nicht auf die von dem Soziologen und Philosophen Hartmut Rosa beschriebene Resonanz bezieht. Während Rosa unter Resonanz eine gegenseitige, tiefe und emotional bereichernde Beziehung zwischen Menschen und ihrer Welt versteht, die essenziell für ein erfülltes Leben ist, definiert Eidenschink Resonanz als die Empfänglichkeit für Irritationen.

In seinem Verständnis bedeutet resonant zu sein, eine Beziehung zur Welt zu unterhalten, Ambiguitäten auszuhalten und rhythmisch zwischen Ruhe und Bewegung sowie zwischen Kämpfen und Loslassen zu wechseln. Die Reaktion auf einen Konflikt – ob Zustimmung oder Ablehnung, Beruhigung oder Anfachung – bietet unterschiedliche Beziehungsansätze, die idealerweise aus einer reflektierten Position heraus gewählt werden. Für Eidenschink ist die Konfliktregulationskompetenz eine Kunst, die darin besteht, sensorischen, emotionalen und kognitiven Input so zu verarbeiten, dass daraus Gestalt annehmende Formen und Muster entstehen. Diese Kunst gleicht keineswegs einem reinen auf Regeln basierendes „Malen nach Zahlen“, sondern ist ein dialogischer, forschender und verhandelnder Prozess.

Eidenschink ist sich der Schwierigkeit wohl bewusst, die es bedeutet, die Motivation und den Willen zu finden, sich einem aufdringlichen Konflikt entgegenzustellen und anders zu denken, zu fühlen und zu handeln. Er merkt an, dass Konflikte, wenn sie ignoriert werden, oft ihre zerstörerische Kraft entfalten. Deshalb empfiehlt sich auch im beruflichen Kontext, Kompetenzen im Umgang mit Konflikten zu entwickeln und eine entsprechende Kultur zu pflegen.

Führungskräfte, die differenziert wahrnehmen und resonant im Sinne von Eidenschinks Verständnis agieren, können das Potenzial für die Weiterentwicklung von Teams und Abteilungen fördern. Das Buch regt dazu an, die eigene Sicht auf Konflikte zu hinterfragen und eröffnet neue Wege, sie als Chancen zur persönlichen und kollektiven Entwicklung zu verstehen. Es wird durch zahlreiche Fallbeispiele ergänzt, die die Theorie mit der Praxis verbinden und dem Leser einen greifbaren Zugang zu den komplexen Themen ermöglichen.

Klaus Eidenschink: Die Kunst des Konflikts. Konflikte schüren und beruhigen lernen. Heidelberg: Carl Auer Verlag, September 2023, 208 Seiten, 29,95 EUR.

 

 

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