Topografisches Coaching – von der Rätselzone zum Dorado

Pixabay Thomas H.

Ein neues Prozess-Modell, das sich an der universellen Struktur aus der Literatur- und Filmtheorie orientiert, unterstützt Coaches dabei, den Weg des Klienten vom Ursprung eines Problems bis zu seiner Lösung in eine topographische Landkarte einzuordnen.

Die Initialzündung zur Idee für ein topografisches Coaching stammt aus der Psychotherapie. Der Arzt und Psychotherapeut Christian Mayer veröffentlichte in seinem Buch „Wie in der Psychotherapie Lösungen entstehen“ ein bislang unbekanntes Prozessmodell der Heilung. Ihm war aufgefallen, dass typische Patientengeschichten wie literarische Geschichten oder Film-Plots einer universellen Struktur folgen. Der Protagonist durchläuft dabei verschiedene Phasen oder bildlich gesprochen „Räume“. Man kann sich demnach den Weg vom Ursprung eines Problems bis zur Lösung gleichsam als Reise-Geschichte vorstellen, in der der Klient verschiedene Stationen durchwandert.

In jeder Geschichte gibt es immer eine relativ stabile Ausgangssituation, einen Mittelteil, in dem sich der Protagonist transformiert (z. B durch eine Erkenntnis) und schließlich einen Schlussteil, der wieder vorübergehend stabil ist, sich aber vom Ausgangsraum unterscheidet. Der Protagonist muss also mindestens zwei Grenzen überschreiten, um ein Abenteuer zu bestehen und dabei eine Veränderung durchlaufen, damit uns seine Geschichte interessiert. Ein Beispiel: Welche Geschichte interessiert Sie mehr?

A. Der Schriftsteller hat seit Tagen keine Zeile geschrieben. Er gibt auf, verlässt sein Arbeitszimmer und geht ins Café. Dort trifft er zufällig einen alten Schulfreund, unterhält sich mit diesem über gemeinsame Erinnerungen und kehrt wieder an seinen Schreibtisch zurück.

ANZEIGE

B. Der Schriftsteller verlässt sein Arbeitszimmer, weil er seit Tagen keine Zeile geschrieben hat. Er geht ins Café und trifft dort zufällig einen alten Schulfreund. Während er sich mit diesem über gemeinsame Erinnerungen austauscht kommt ihm plötzlich die Idee. Aufgeregt eilt er zurück an den Schreibtisch – seine Schreibblockade ist überwunden.

Erst die Veränderung des Protagonisten macht also aus einer reinen Aneinanderreihung von Geschehnissen eine Geschichte. Topografisch betrachtet, transformiert er sich bei der Überschreitung der Grenzen zwischen den Räumen. In unserem Beispiel „gibt er auf“, wenn er den Ausgangsraum verlässt, hat er eine „Idee“, wenn er den Mittelraum betritt, und kommt zu einer Lösung, wenn er diese Erkenntnis mit in den Schlussraum bringt. Das Entscheidende passiert also an den Grenzen der „Räume“, weshalb der Literaturwissenschaftler und Semiotiker Juri Lotman diese Grenzüberschreitungen als „Ereignis“ definiert und dafür zahlreiche Belege aus Romanen zitiert. Universell anwendbar wird dieses Modell aber letztendlich erst dadurch, dass auch Räume im übertragenen Sinne einbezogen werden. Im topografischen Coaching wird etwa auch eine Beförderung oder eine Reorganisation mit daraus resultierendem neuen Verantwortungsbereich oder veränderten Teamstrukturen als Raumwechsel verstanden.

Die folgend…

AUTOR(EN)

Diplom-Psychologin, Inhaberin TWIST Consulting Group in München, Zertifizierte Beraterin für den CWQ.

Facharzt für Psychiatrie und Psychosomatische Medizin, Psychotherapeut in München.

Diplom-Psychologin, Inhaberin von Schumann Coaching und Consulting in München, Managementberaterin, Coach und Wirtschaftsmediatorin.