Wie gefährlich ist Donald Trump? 27 Stellungnahmen aus Psychiatrie und Psychologie

„Ein einzelner Mensch kann tatsächlich Einfluss auf eine ganze Nation haben“, schreiben der emeritierte Stanford-Professor Philip Zimbardo und seine Co-Autorin Rosemary Sword. Und nirgends ließe sich das besser beobachten als beim Trump-Effekt.

Ursprünglich habe man unter dem Trump-Effekt das zunehmende Bullying-Verhalten in den Schulen verstanden, verursacht durch Trumps Rhetorik im Wahlkampf. Doch innerhalb kurzer Zeit hätten sich diese Verhaltensweisen auch in andere Lebensbereiche eingeschlichen bis zum Mobbing durch Erwachsene aus religiösen und rassistischen Gründen. Es wurden deutlich mehr jüdische Friedhöfe geschändet und mehr Moscheen niedergebrannt. Kinder von Immigranten und Studenten mit Migrationshintergrund hätten – so ein Report – ständig Angst.

Aber es gebe auch Kinder, die keine Angst hatten und den Namen Trump nutzten, um ihre Mitschüler zu verhöhnen und gar zu bedrohen. Dabei spiegelte das Verhalten der Kinder natürlich auch den Umgang zu Hause wider.

So zeige die Statistik, dass ein kleiner, aber aktiver Teil der Bevölkerung sich mehr herausnehme als sonst und mehr Gefallen an Hassverbrechen gegen andere finde. „Sie werden immer dreister, weil sie glauben, sich Trumps Zustimmung zum Vergehen rechtsextremer/antisemitischer Gruppen sicher sein zu können“, schreiben die Autoren.

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Zimbardo ist einer der 27 Psychiater und Psychologendie in dem Buch „Wie gefährlich ist Donald Trump“ die Verhaltensweisen des US-Präsidenten und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft und Politik analysieren.

Wie Zimbardo und Sword geht es den meisten Autoren des Buches nicht primär um eine „Ferndiagnose“ der Persönlichkeit von Donald Trump, sondern um eine Analyse der Verhaltensmuster, die der US-Präsident oftmals in beängstigendem Ausmaß verkörpert. Schon früh während des Wahlkampfes sei es nicht sein Ziel gewesen, eine Diagnose zu stellen, sondern die Menschen auf die Gefahren und mit extremem Narzissmus verbundenen Verhaltensweisen aufmerksam zu machen, schreiben Zimbardo und Sword. Dazu gehöre eine extrem herablassende Haltung, grobe Übertreibungen (Lügen), tyrannisches und schikanöses Verhalten, Eifersucht, ein fragiles Selbstwertgefühl, fehlende Empathie und die Neigung, die Welt unter dem Blickwinkel „Wir gegen die anderen“ zu sehen.

Dabei sei Trump nicht nur ein extremer Narzisst, sondern auch ein extremer Gegenwarts-Hedonist. Diese Menschen lebten ganz im gegenwärtigen Augenblick und verschwendeten keinen Gedanken an die Konsequenzen ihrer Handlungen. Sie sagten alles, was ihr Ego aufpumpt. Auf einen impulsiven Gedanken folge eine impulsive Handlung und wenn die Person mit den Konsequenzen konfrontiert werde, schalte sie auf stur. Hat sie auch noch eine Machtposition, dann würden die anderen alles tun, um die impulsive Handlung zu leugnen oder der Person Rückdeckung zu geben.

Bei Trump entfessele ein impulsiver Gedanken eine Flut von Tweets, die andere dann wiederum anspornen, seine gedankenlosen Aktionen in die Realität umzusetzen. Beispiel sei sein wahnwitziger Tweet, wonach Obama während des Wahlprozesses seine Telefone abgehört haben soll. Das führte dazu, dass sein Stab alles daransetzte, irgendwelche Beweise dafür zu finden, die diese falsche und verleumderische Behauptung real werden lassen sollen. Längst gibt es zahlreiche Situationen, in denen Trump oder seine Berater behaupteten, er habe eine Aussage nicht gemacht – während Journalisten diese aufgezeichnet hatten oder es einen entsprechenden Tweet gab. Verbrämt wird die Strategie mit dem Begriff „alternative Fakten“.

Schon seit 2011 war Trump einer der lautstärksten Wortführer der Verschwörungstheorie, dass Barack Obama kein gebürtiger US-Staatsbürger sei, schreibt Luba Kessler, ein Argument, dass vom landesweiten politischen Rechtsaußenrand vertreten wurde. Diese erste sichtbare politische Unwahrheit habe eine Perversion des politischen Diskurses eingeleitet, die letztlich zu seiner Wahl führte, so die Psychiaterin. Warum fasste diese Unwahrheit Fuß? Kessler verweist auf die „Vorurteile einer angeborenen und eingewurzelten Art von Stereotypisierung“ in der amerikanischen Gesellschaft verbunden mit der „sorgenvollen Beschäftigung mit Andersheit“, die im Zeitalter des Terrorismus und massiver globaler Migration geschürt wird.

Die Trumpsche Weltsicht stelle einen zermürbenden Angriff auf das Wahrheits- und Wirklichkeitsempfinden nicht nur seiner Anhänger, sondern von uns allen dar, stellt der Psychologe und Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirt in seinem Vorwort fest. Er erfindet die Wirklichkeit, wie sie ihm passt und terrorisiert die Welt mit seinen Twitter-Salven.

Die Traumatherapeutin Betty P.Teng berichtet, dass Psychotherapeuten nach der Wahl von einer zunehmenden Zahl von Klienten mit starker Angst aufgrund der Twitter-Flut und der impulsiven Handlungen Trumps berichteten. Denn sie führt dazu, dass die Menschen nicht mehr abschalten, nachdenken und sich ihre eigene Meinung bilden können. Dazu kommt Trumps ständiger Kampf-Modus.

„Je psychotischer ein Mensch mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung wird, desto mehr versucht er die anderen zu überzeugen, dass sie die Verrückten sind und die Realität nicht mehr richtig wahrnehmen“, schreibt Craig Malkin, Psychologe und Autor des Buches „Der Narzissten-Test“. Dabei gerieten sie immer tiefer in eine psychotische Spirale, sobald sie mit der Wahrheit konfrontiert werden, dass sie doch nicht so besonders sind wie sie glauben.

Narzissten könnten sich niemals eingestehen, wie verletzlich und unsicher sie sind. Und weil das Gefühl einer drohenden Gefahr nicht von außen, sondern von innen komme, müssten sie ihre mutmaßlichen Feinde immer stärker attackieren, damit sie sich wieder sicher fühlen können.

Der Psychologe John D. Gartner beschäftigt sich in seinem Kapitel mit dem bösartigen Narzissmus, der schwersten Form der Pathologie, die der Psychiater Otto Kernberg anhand von vier Komponenten definierte: narzisstische Persönlichkeitsstörung, antisoziales Verhalten, paranoide Charakterzüge und Sadismus – Merkmale, die sich auch bei Trump beobachten lassen. Menschen mit einer antisozialen Störung lügen, beuten andere aus und verletzen ihre Rechte, ohne Gewissensbisse oder Empathie für ihre Opfer zu empfinden. Bösartiger Narzissmus habe mit normalem Narzissmus so viel zu tun habe wie ein gutartiger mit einem bösartigen Tumor, schreibt Gartner. Bösartige Tumore träten seltener auf und seien viel gefährlicher, meist führten sie zum Tod.

Thomas Singer, Psychiater und Psychoanalytiker in San Francisco, analysiert die Schnittstelle zwischen Trump und der Kollektivpsyche Amerikas. „In mancher Hinsicht spiegelt Trump unsere kollektive Aufmerksamkeitsstörung, unsere Soziopathie und unseren Narzissmus wider, ja verstärkt diesen sogar“, schreibt er. Er attestiert der amerikanischen Gesellschaft eine kollektive Unfähigkeit, die Illusion von der Wirklichkeit zu unterscheiden. Dazu käme der Prominentenkult, bei dem niemand irgendeinen Wert besitze, der „über seine Erscheinung, Nützlichkeit oder Fähigkeit zum Erfolg hinausgeht“. In Amerika könne man alles tun, um Geld zu verdienen, glücklich zu sein und berühmt zu werden. Trumps Narzissmus lasse sich daher als vollkommener Kompensationsspiegel für die narzisstischen Bedürfnisse und Verletzungen derjenigen verstehen, die sich als Verlierer sehen. Durch die Identifikation mit seiner Größe könnten sie ihren verwundeten amerikanischen Traum zu neuem Leben erwecken.

Doch auch wenn Trumps Erfolg viel mit der amerikanischen Geschichte und Psyche zu tun haben mag, das Verständnis der psychologischen Zusammenhänge kann helfen, den heute noch nicht abzusehenden langfristigen Einfluss Trumps auf das gesellschaftspolitische Denken weltweit zu verstehen. Hans-Jürgen Wirth fasst das so zusammen: „Die psychokulturellen Verwüstungen, die ein solches destruktives und letztlich auch selbstdestruktives Menschenbild auslöst, sind nicht zu unterschätzen.“

Bärbel Schwertfeger, Chefredakteurin von WIRTSCHAFTSPSYCHOLOGIE HEUTE

Bandy X. Lee (Hrsg):
Wie gefährlich ist Donald Trump?
27 Stellungnahmen aus Psychiatrie und Psychologie,
Psychosozial Verlag,
Gießen 2018,
385 Seiten,
32,90 Euro.

 

AUTOR(EN)

Journalistin | Website

Bärbel Schwertfeger ist Diplom-Psychologin, seit 1985 freie Journalistin und Chefredakteurin von WIRTSCHAFTSPSYCHOLOGIE HEUTE.