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Wirtschaftspsychologie-Studium: Lukratives Geschäft für die Privathochschulen  

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Eine CHE-Studie zeigt, dass knapp 64 Prozent der Studiengänge in Wirtschaftspsychologie von privaten Fachhochschulen angeboten werden, meist ohne relevante Zulassungsbeschränkungen, aber oftmals mit erheblichen Studiengebühren. Die Vermittlung von psychologischen Grundlagenwissen und empirischen Methoden spielt dabei teils nur eine geringe Rolle.

Das Studienfach Wirtschaftspsychologie ist gefragt. Der „Aufstieg“ des Faches Wirtschaftspsychologie lasse sich zum Teil durch den starken Nachfrageüberhang für das universitäre Psychologie-Studium erklären, das de facto bundesweit zulassungsbeschränkt ist”, schreibt das CHE Centrum für Hochschulentwicklung. Hier biete ein Studium an einer Fachhochschule eine Alternative mit weniger oder weniger strengen Zulassungsbeschränkungen.

In seinem Bericht „Im Blickpunkt: Wirtschaftspsychologie im Spiegel des CHE Hochschulrankings“ hat das CHE alle 47 Fachhochschulen/Hochschulen für angewandte Wissenschaften befragt, die ein Studium der Wirtschaftspsychologie in Deutschland anbieten. Datengrundlage ist der Hochschulkompass, eine Informationsplattform, bei der Hochschulen ihre Studiengänge eintragen. Erfasst wurden dabei nur Studiengänge, bei denen der Psychologie-Anteil des Curriculums mindestens 50 Prozent betrug. Zudem wurden auch mit der Wirtschaftspsychologie eng verwandte Studiengänge, wie z.B. Kommunikations- oder Werbepsychologie mit einbezogen.

Fachbereiche an 37 Hochschulen nahmen an der Umfrage teil. Insgesamt fanden drei verschiedene Befragungen statt: Eine von Professorinnen und Professoren, eine der Fachbereiche sowie eine Befragung der Studierenden der Bachelor-Studiengänge. Die Daten wurden zwischen September 2019 und Januar 2020 mittels Online-Fragebögen erhoben. Die meisten Studienangebote finden sich an großen Hochschulstandorten in Westdeutschland. Abgesehen von den Angeboten in Berlin sind nur zwei der 47 Studiengänge in ostdeutschen Bundesländern angesiedelt.

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63,8 Prozent der untersuchten Studiengänge werden von privaten Hochschulen angeboten. Die Zahl der Studierenden (Bachelor und Master) beläuft sich dabei auf 5.650, wobei vier Privathochschulen keine Angaben machten. Dabei reicht die Spanne von zehn Studierenden an der ISM in Berlin bis zu 1.490  Studierenden an der Fernhochschule PFH Göttingen. An den staatlichen Fachhochschulen liegt die Zahl bei 3.620 Studierenden, wobei Zahlen von allen befragten Hochschulen vorliegen.

Während an den staatlichen Hochschulen bis auf zwei Ausnahmen überall Zulassungsbeschränkungen für das Bachelor-Studium bestehen, gibt es bei elf der 31 Bachelor-Studiengänge an den privaten Hochschulen keinerlei Zulassungsbeschränkung und wo es welche gibt, sind die nicht sehr hoch. “Auch wenn manche private Hochschulen Eignungsfeststellungsverfahren nutzen, damit sie nicht ungesehen jede(n) Bewerber(in) nehmen müssen, so scheint insgesamt die Wahrscheinlichkeit, einen Studienplatz in Wirtschaftspsychologie an einer privaten Hochschule bekommen zu können, eher hoch”, resümiert das CHE.

Was ist Wirtschaftspsychologie?

Wirtschaftspsychologie könne sowohl unter dem Aspekt „Ausdifferenzierung“ (Anwendung der Psychologie im wirtschaftlichen Bereich) als auch als „Bindestrich-Studiengang“ (Kombination von Psychologie und BWL) gesehen werden, schreibt das CHE. Und hier scheiden sich die Geister.

“Die Wirtschaftspsychologie ist eine Anwendungsdisziplin der Psychologie, vergleichbar zur Klinischen Psychologie oder Pädagogischen Psychologie”, erklärt Uwe Kanning, Professor an der Hochschule Osnabrück. Das bedeute, dass man Methoden und Forschungsergebnisse so einsetzt oder aufbereitet, dass daraus ein praktischer Nutzen erwächst. Dabei greife man zum einen auf Grundlagenfächer– insbesondere Allgemeine Psychologie, Sozialpsychologie, Differentielle- und Persönlichkeitspsychologie – zurück und nutze zum anderen auch Methoden und Erkenntnisse der genuin wirtschaftspsychologischen Forschung, z. B. zur Personalauswahl oder Gestaltung von Trainingsmaßnahmen. Dazu gehörten natürlich auch die Diagnostik sowie empirische Methoden. Dementsprechend sind auch Mathematik und Statistik zentrale Fächer. Wirtschaftspsychologie sei keine interdisziplinäre Wissenschaft, betont Professor Kanning. Das lasse sich weder historisch noch faktisch belegen.

Anders sieht man das bei der Gesellschaft für angewandte Wirtschaftspsychologie (GWPs), in der vor allem private Fachhochschulen vertreten sind. Dort betrachtet man Wirtschaftspsychologie als einen interdisziplinären Studiengang, der neben Studieninhalten in Psychologie auch zwingend Studieninhalte in Wirtschaftswissenschaften voraussetzt. Dementsprechend hat die GWPs die Mindestumfänge im Bachelor-Studium festgelegt. Wirtschaftsbezogene Fächer wie BWL, VWL oder Wirtschaftsrecht werden mit 20 Credit-Punkten genauso gewichtet wie die psychologischen Grundlangenfächer und die empirischen Methoden mit jeweils 20 Credit-Punkten. Den Schwerpunkt bilden wirtschaftspsychologische Anwendungsfächer wie Arbeits-, Organisations- und Personalpsychologie sowie Medienpsychologie und Ingenierpsychologie mit 25 Credits.

Auch beim CHE setzt man auf die Sichtweise der GWPs. Vertreter der GWPs fungierten bei der Studie als Fachbeirat, “der das CHE u.a. bei der Auswahl und Konstruktion der fachspezifischen Indikatoren unterstützte”. Das spiegelt sich auch im Lehrprofil des Studiengangs des CHE wieder, das die mindestens notwendigen bzw. maximal möglichen Credits in verschiedenen Bereichen/Teilfächern abbildet. Hier zeigt sich sogar eine deutliche Dominanz wirtschaftsbezogener Fächer. Psychologische Grundlagenfächer spielen eine genauso große Rolle wie die Praxisphase. Wirtschaftspsychologische Anwendungen umfassen mehr Credits als empirische Methoden.

Profil des Studiengangs Wirtschaftspsychologie

Quelle: CHE-Bericht, Seite 12

Gravierende Unterschiede

Dabei gibt es bei den Hochschulen jedoch gravierende Unterschiede, wie die folgende Tabelle zu Bachelor-Studiengängen zeigt. So sind an der HAW Hof beispielsweise knapp 60 Credits für psychologische Grundlagen Pflicht, an der ISM oder VWA-Hochschule dagegen nur zwölf Credits. An der Hochschule Rhein-Waal entfallen 50 Credits auf empirische Methoden, an der VWA Hochschule sind es nur sechs Credits. An der Hochschule Westküste umfassen wirtschaftspsychologischen Anwendungsfächer 72 Credits auf, an der HAW Hof sind es nur 20 Credits. Und während an der SRH-Hochschule gerade einmal acht Credits auf wirtschaftsbezogene Fächer entfallen, sind es an der Hochschule Südwestfalen mindestens 72 Credits. Auch die Credits für die Praxisphase schwanken zwischen zwölf und 60 Credits

Verteilung der Credits für den Bachelor in Wirtschaftspsychologie

Quelle: CHE-Bericht, Seite 13

Fazit

Während nur wenige staatliche Hochschulen einen Wirtschaftspsychologie-Studiengang anbieten und die angebotenen Studiengänge komplett ausgelastet sind, haben die privaten Hochschulen hier ein lukratives Geschäftsfeld entdeckt. Denn wer dort einen Bachelor in Wirtschaftspsychologie absolvieren will, muss teils mehr als 30.000 Euro dafür hinblättern.

Dagegen ist natürlich grundsätzlich nichts einzuwenden. Die Privathochschulen haben eine Marktlücke entdeckt und füllen sie mit neuen Angeboten. Die kann allerdings nur nützen, wer auch das entsprechende Geld dafür hat. Dafür braucht er dann in der Regel keine strengen Zulassungskriterien befürchten.

Das Profil der Wirtschaftspsychologie-Studiengänge hat mit der ursprünglichen Anwendungsdisziplin der Psychologie oftmals nur noch wenig zu tun. Psychologische Grundlagenfächer und empirische Methoden spielen teils eine deutlich untergeordnete Rolle. Und manchmal ähnelt das Wirtschaftspsychologie-Studium eher einem BWL-Studium mit etwas Psychologie.

Unternehmen, die einen Bachelor-Absolventen in Wirtschaftspsychologie einstellen wollen, sollten daher genau hinschauen, wo dieser studiert hat und wie das Studium dort aufgebaut ist. Und sie sollten sich genau überlegen, wofür sie den neuen Mitarbeiter einsetzen wollen. Denn mit empirisch fundierter Personalarbeit dürfte so mancher Absolvent überfordert sein.

AUTOR(EN)

Journalistin | Website

Bärbel Schwertfeger ist Diplom-Psychologin, seit 1985 freie Journalistin und Chefredakteurin von WIRTSCHAFTSPSYCHOLOGIE HEUTE.