Gesichterlesen – Das Comeback einer Pseudolehre

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Der Irrglaube, dass sich die Persönlichkeit eines Menschen aus seinem Gesicht ablesen lässt, erlebt dank moderner Technologie derzeit ein rasantes Comeback. So verspricht das israelische Start-up Faception, seine Software könne mit hoher Trefferquote allein am Gesicht erkennen, wer ein Terrorist, Wirtschaftskrimineller oder Pädophiler ist.

Stellen Sie sich vor, Sie stehen an der Einreisekontrolle am Flughafen. Doch statt Sie wie sonst durchzuwinken, greift der Passbeamte zum Telefon und schon ein paar Minuten später werden Sie von Polizisten abgeführt. Denn eine Software zur Gesichtserkennung hat sie als Terroristen identifiziert. Willkommen in der schönen neuen Welt der Algorithmen.

So behauptet das israealische Start-up Faception, seine Software könne mit 80prozentiger Genauigkeit allein am Gesicht erkennen, ob eine Person ein Terrorist, ein Pädophiler oder ein professioneller Pokerspieler ist. „Wir verstehen Menschen besser als andere Menschen sie verstehen“, erklärt Shai Gilboa, CEO von Faception. „Unsere Persönlichkeit wird durch unsere DNA bestimmt und zeigt sich in unserem Gesicht.“ Laut eigenen Angaben arbeitet Faception bereits mit Regierungsbehörden und internationalen Sicherheitsorganisationen wie dem amerikanischen Heimatschutzministerium zusammen, aber auch mit Finanzinstituten zur Einschätzung des Ausfallrisikos von Krediten.

„Die Beweislage, dass diese Beurteilungen korrekt sind, ist extrem schwach“ erklärte Alexander Todorov, Psychologieprofessor an der Princeton University in New Jersey und einer der renommiertesten Forscher zur Gesichtswahrnehmung im Mai 2016 in der Washington Post. „Dabei dachten wir, die Zeit der Physiognomik ist seit hundert Jahren verbei.“

Der Wunsch, anhand des Gesichts den Charakter eines Menschen zu erkennen, ist uralt. Schon Aristoteles soll das Aussehen von Menschen mit dem von Tieren verglichen haben. Wer einem Wolf ähnelt, hat danach einen verschlagenen Charakter. Ende des 18. Jahrhunderts beschrieb der Pfarrer Johann Caspar Lavater in seinem vierbändigen Werk Physiognomischen Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe, wie man verschiedene Charaktere anhand der Gesichtszüge erkennen könne. Im 19. Jahrhundert untersuchte der Psychiater Cesare Lombroso Schädelformen bei Häftlingen und versuchte damit, Kriminalität als Folge von angeborenen Eigenschaften zu erklären. Und in der Schweiz unterteilte Carl Huter das Gesicht in Deutungsareale und behauptete, anhand der Form der Nase, dem Abstand der Augen oder der Stirnwölbung den Charakter einer Person zu erkennen. Bei den Nazis diente die Schädelkunde zur Rassenbestimmung. Wer die falschen Maße hatte, landete in der Gaskammer.

Heute gewinnt die Pseudolehrte dank moderner Technologien neuen Aufschwung. Computerprogramme vermessen das Gesicht. Algorithmen analysieren die Daten. Faception kann angeblich Gesichter von Videostreams, Kameras, Online- oder Offline-Datenbanken analysieren und anhand von Deskriptoren bestimmten Typen zuordnen. So leide ein Terrorist unter hoher Angst und Depression, sei introvertiert, emotionslos, berechnend, pessimistsich, habe ein geringes Selbstwertgefühl und sei launenhaft, heißt es auf der Website. Ein „White-Collar Offender“ habe einen hohen IQ und ein hohes Charisma, aber ein niedriges Selbstwertgefühl, sei ängstlich, angespannt und frustriert, ambitioniert und dominant. Gewöhnlich gehe er gern Risiken ein und habe einen trockenen Humor. Die mit Maschinenlernen trainierte Software von Faception will alle diese Facetten mit einer Trefferquote von 80 Prozent am Gesicht erkennen. Wie die Einstufung in die verschiedenen Typen erfolgt, bleibt natürlich das Geheimnis von Faception.

Faception war eines von acht Start-ups, das an einem Programm des israelischen iHLS Accelerator teilgenommen hat, dem weltweit ersten Startup-Aaccelerator im Sicherheitsbereich, der junge Firmen bei der Geschäftsentwicklung unterstützt. Gesponsert wird er von führenden Verteidigungsunternehmen in Israel und aus aller Welt. Faception befähige Organisationen mit Zugang zu großen Datenbanken, Menschen eindeutig in Gruppen mit gemeinsamen Merkmalen zu kategorisieren, heißt es auf www.defense-update.com. Die Software ließe sich neben der Sicherheitskontrolle auch fürs Screening nutzen und könne mit einer hohen Trefferquote potentielle Gefährder identifizieren.

In Israel setzt man ähnliche Programme bereits ein. Im April 2017 haben israelische Sicherheitsbehören 800 Palisteneser verhaftet, weil ein Computerprogramm vorausgesagt hatte, dass sie in Zukunft Terroranschläge begehen könnten. Angeblich hatte die von mehreren Unternehmen entwickelte Software Social-Media-Posts durchforstet und dank ausgefeilter Algorithmen die potentiellen Terroristen identifiziert. Sie wurden festgenommen für ein Verbrechen, dass sie nicht begangen haben und vielleicht auch nie begangen hätten. Denn Algorithmen basieren stets auf bestimmten Annahmen und zeigen immer nur Wahrscheinlichkeiten.

„Wir haben nichts mit Physiognomie zu tun“, schreibt Faception-CEO Gilboa auf Anfrage. „Wir sind ein Computerunternehmen und nützen Maschinenlernen.“ Das ist zwar richtig, aber Computer müssen das lernen. „Ein Computer, der trainiert wurde, Bilder zu analysieren, ist nur so gut wie die Beispiele anhand derer er trainiert wurde“, erklärte Pedro Domingos, Professor für Computerwissenschaften an der University of Wisconsin in der Washington Post. Wenn der Computer nur eine enge oder überholte Sammlung von Daten analysiere, seien die Schlussfolgerungen Unsinn. Zudem bestehe das Risiko, dass das System zwar eine korrekte Vorhersage mache, aber nicht unbedingt aus den richtigen Gründen. So habe ein Kollege ein Computersystem darin trainiert, den Unterschied von Hunden und Wölfen herauszufinden. Tests ergaben, dass das System fast zu hundert Prozent richtig lag. Dann stellte sich heraus, dass der Computer deshalb so schlau war, weil er gelernt hatte, auf Schnee im Hintergrund der Fotos zu achten. Alle Wolf-Bilder waren im Schnee aufgenommen, die Hunde-Bilder dagegen nicht.

„Gesichter liefern uns keine Landkarte für die Persönlichkeit“, warnt Psychologie-Professor Todorov. „Stattdessen sind die Eindrücke nur ein Spiegel unserer eigenen Vorurteile und Stereotypen.“ Warum das so ist und welche Folgen das hat, erklärt der Psychologe eindrucksvoll in seinem Buch Face ValueDer unwiderstehliche Einfluss des ersten Eindrucks (ein Interview mit Alexander Todorov gibt es hier). Darin beschreibt er unter anderem ein Experiment, bei dem verschiedene – nicht gestellte – Fotos eines Mannes aus einer Datenbank, die dem Training von Algorithmen zur Gesichtserkennung diente, zu ganz unterschiedlichen Eindrücken bei Betrachtern führen. So wirkte der Mann für die Probanden auf einem Foto als vertrauenswürdig, auf einem anderen als gerissen. Das zeigt, dass ein valider Schluss auf die Persönlichkeit des Mannes aufgrund eines Fotos nicht möglich ist.

Doch wie funktioniert Faception? Wissenschaftler hätten herausgefunden, dass Gene die Form des Gesichts bestimmen, heißt es auf der Website. So sei es bereits möglich, allein aus der DNA einige Schlussfolgerungen über das Aussehen von Verdächtigen zu machen. Im Klartext: Ob ich ein Terrorist, Pädophiler oder Wirtschaftskrimineller bin, liegt an meinen Genen.

Auf die Frage nach den wissenschaftlichen Grundlagen verschickt der Faception-CEO Gilboa mehrere Studien, darunter eine von Professor Manfred Kayser, einem Genforscher an der Erasmus Universität in Rotterdam. „Das ist reine Scharlatanerie“, antwortet dieser auf die Frage, inwiefern seine Forschung die Seriosität von Faception untermauert. „Aus der Studie zu schliessen, dass man Intelligenz oder Kriminalität aus Gesichtern erkennen kann, ist abstrus.“ Die Wissenschaft sei gerade erst am Anfang zu verstehen, wie das Gesicht genetisch determiniert ist, sagt der Professor. Und selbst wenn man das wüsste, hätte es nichts mit der Persönlichkeit zu tun. Auch mehrere Studien von Psychologie-Professor Alexander Todorov schickt der Faception-Chef. Der reagiert schockiert. „Dass sie unsere Forschung als Legitimation für ihr Unternehmen nutzen, ist wirklich eine Schande“, so der Experte für Gesichtserkennung.

Doch warum verschickt der Faception-Chef Studien, deren Autoren sich vehement dagegen wehren als Beleg für die Faception-Behauptung herzuhalten oder sogar genau das Gegenteil vertreten? Vermutlich nur um Nebelkerzen zu werfen. Und bei den meisten Journalisten dürfte er damit auch Erfolg haben. Die sind erstmal schwer beeindruckt. Und kaum jemand macht sich heute noch die Mühe, die oftmals schwer verständlichen Studien zu lesen oder nachzufragen.

Aufschlussreich ist jedoch die Recherche zu David Gavriel, dem Mitgründer und Chef-Profiler von Faception. Auf der Website positivehealth.com verfasste er 2012 den Beitrag „Personology – Connections between Physical Structure and Personality“. Laut dem Skeptic`s Dicionary  ist Personology eine New-Age-Variante der alten Pseudowissenschaft Physiognomie, erfunden von dem Richter Edward Jones aus Los Angeles in den 1930er Jahren. David Gavriel ist Expert Personologist, heißt es bei den Autorenangaben. Er sei Pionier der Methode in Israel und unterrichte weltweit an Hochschulen, bei Regierungsbehörden und High-Tech-Unternehmen. Weiter heißt es in dem Artikel, dass 80 Prozent aller charakteristischen Merkmale genetisch bestimmt sind. Dabei werde der Fokus auf die individuelle Person und nicht auf vererbte Qualitäten gelegt. So würden Menschen, die mit Daten und Informationen arbeiten, wo mehr Fokus auf Details notwendig ist, einen geringeren Augenabstand haben. Und Menschen mit runden und nach unten gerichteten Nasen finde man eher in Bereichen wie Management, Handel, Finanzen und Wirtschaft.

Die Diagnose erfolge mit Hilfe von Messinstrumenten, die numerische Daten präsentieren. Die Zahlen würden in Tabellen eingetragen und in ein Computerprogramm eingespeist, das eine umfassende und akurate Beschreibung aller wichtigen Charaktermerkmale, spezieller Qualitäten und Fähigkeiten liefert. Da fällt es doch schwer zu glauben, dass Faception nichts mit Physiognomie zu tun hat.

„Physiognomie im neuen Gewand“ heißt ein Forschungsbericht von Princeton-Professor Todorov zusammen mit den beiden Forschern bei Google, Blaise Agüera y Arcas und Margaret Mitchell. Darin zeigen die Autoren auf, wie sich hinter Big Data und scheinbar neutralen Algoithmen auch die Ansätze der Physiognomik verbergen. Auch Faception wird erwähnt. Für Todorov ist das alles erst der Anfang. Denn mit der Verbesserung der Technologien zur Gesichtserkennung wächst auch die Gefahr, diese mit der alten Pseudolehre der Physiognomik zu verbinden.

Im September 2017 sorgte die Veröffentlichung einer Studie des Stanford-Professors Michal Kosinski und des Stanford-Studenten Yilun Wang im  „Journal of Personality and Social Psychology“ für Furore. „Wir zeigen, dass Gesichter mehr Informationen über die sexuelle Orientierung enthalten als Menschen wahrnehmen und interpretieren“, schreiben die beiden. Man habe mit Künstlicher Intelligenz Merkmale aus 35.326 Portraits von Dating-Websites gezogen und damit die sexuelle Orientierung klassifiziert. Anhand eines Fotos erkannte das Programm dann 81 Prozent aller schwulen Männer und 74 Prozent aller lesbischen Frauen. Menschliche Probanden, denen die gleichen Bilder vorgelegt wurden, kamen nur auf eine Trefferquote von 61 und 54 Prozent. Legte man dem Rechner fünf Bilder vor, erkannte die Software 91 Prozent der homosexuellen Männer und 83 Prozent der Frauen.

Im Einklang mit der pränatalen Hormontheorie der sexuellen Orientierung neigten homosexuelle Männer und Frauen zu einer geschlechtsuntypischen Gesichtsmorphologie, schreiben die Forscher. Die Ergebnisse erweiterten unser Verständnis für die Ursprünge der sexuellen Orientierung und die Grenzen menschlicher Wahrnehmung.

Ähnlichkeiten mit Faception lassen sich nicht von der Hand weisen. Da verwundert es nicht, dass Stanford-Professor Michal Kosinski laut einer Präsentation von Faception offenkundig zum Team des Start-ups gehörte. Kosinski selbst widerspricht dem. Er habe die Firma lediglich ehtisch beraten.

In einem Artikel im Magazin „The Verge“ bestreitet Kosonki auch, dass seine Forschung auf der Physiognomik basiere. Er habe gelernt, dass es absolut unmöglich sei, dass das Gesicht Informationen über verborgene Persönlichkeitszüge zeige, weil Physiognomik eine Pseudowissenschaft sei. Aber die Tatsache, dass sie Dinge behaupten, ohne sachliche Grundlagen dafür zu haben, bedeute nicht, dass diese Dinge nicht real sind. Vielleicht seien die Behauptungen der Physiognomiker doch wahr und der Computer könne das aufzeigen.

Solche Äußerungen lassen Alexander Todorov verzweifeln. In seinem Buch geht er auch auf Studien zur Erkennung von sexuellen Orientierung ein, die meist Fotos von Dating-Seiten nutzen. Weil diese Fotos jedoch von den Personen selbst ausgewählt wurden, stellen sie stets eine verzerrte Sammlung dar. Denn die Nutzer wählen die Fotos, die am besten zur jeweiligen Website passen und das sind bei einer Dating-Seite für Heterosexuelle eben andere als bei einer für Homosexuelle. Die hohe Trefferquote der Software sage daher vor allem aus, dass die Nutzer ihre Fotos sehr passend ausgewählt haben, so der Forscher. Eine Studie der Universität Wisconsin zeigte, dass die hohe Trefferquote einer Software vor allem damit zusammenhing, dass Homosexuelle Fotos mit einer höheren Qualität nutzen als Heterosexuelle. Glich man die Qualität der Fotos an, war die Trefferquote nicht besser als der Zufall. Beeindruckend sind auch Experimente, bei denen dasselbe Gesicht einmal als männlich und einmal als weiblich wahrgenommen wird – nur wenn man den Konstrast verändert. Schon kleine Veränderungen können daher eine große Wirkung haben und – glaubt man den Physiognomikern – die Persönlichkeit enes Menschen komplett verändern.

Nachtrag März 2021: Es ist ruhig geworden um Faception. Der letzte News-Eintrag auf der Website ist von 2018.  Damals gab es einen regelrechten Medien-Hype zu dem Thema. Etliche der alten Artikel sind hier nachzulesen.

AUTOR(EN)

Bärbel Schwertfeger ist Diplom-Psychologin, seit 1985 freie Journalistin und Chefredakteurin von WIRTSCHAFTSPSYCHOLOGIE HEUTE.

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