Die große Gereiztheit – Wege aus der kollektiven Erregung

2013 twitterte eine PR-Managerin aus New York „Ich bin auf dem Weg nach Afrika. Hoffentlich bekomme ich kein Aids. Ich mach nur Spaß. Ich bin weiß“. Während sie dies als gelungene Ironie über die Vorurteile aus Sicht eines weißen Menschen verstanden wissen wollte, entdeckte ein Journalist den Tweet und löste eine Empörungswelle aus. Letztlich musste die PR-Managerin ihren Urlaub abbrechen, verlor ihren Job verloren und wurde zum Inbegriff der verwöhnten weißen Frau geworden, deren Rassismus sich zufällig offenbart hat. Ein Tweet mit dramatischen Folgen und ein Beispiel für den Zustand einer permanenten Erregung, in dem sich unsere digitale Welt befindet.

In seinem Buch analysiert der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen die Entwicklung von der Mediendemokratie hin zur Empörungsdemokratie und diagnostiziert fünf Krisen. Der Tweet, der plötzlich in den Focus der Aufmerksamkeit geriert, gehört zur „Reputationskrise“, bei dem einzelne Erregungsvorschläge über die sozialen Medien lanciert werden.

Bei der „Autoritätskrise“ werden Fehler, Widersprüche und menschliche Schwächen bei Politikern und anderen Entscheidern ungeschönt offenbart und ihr Vertrauens- und Autoritätsverlust in der Bevölkerung verstärkt. Durch die Dauerbeobachtung werden Schonräume eliminiert und Situationen normaler menschlicher Schwäche schonungslos ins Rampenlicht öffentlicher Aufmerksamkeit gezerrt. Beispiel Hillary Clinton. Am 11. September 2016, während der Hochphase des Präsidentschafts-Wahlkampfs, erlitt sie einen Schwächeanfall und verließ daher vorzeitig eine Gedenkveranstaltung zum 11. September. Ein 20-sekündiger Video-Clip, der sich über Twitter verbreitete, wurde von ihren politischen Gegnern sofort als ausgeschlachtet. Erst später zeigte sich, dass der Zusammenbruch in Zusammenhang mit einer Lungenentzündung stand.

Unsere digital vernetzte Welt befindet sich im Zustand einer permanenten Erregung. Was als wahr angenommen wird und was nicht, hat sich massiv verändert („Wahrheitskrise“). Die Bestätigungstendenz führt dazu, dass Informationen bevorzugt wahrgenommen werden, die unseren Erwartungen entsprechen, egal ob die Quelle seriös ist oder nicht. Doch wie kann man bei der Flut an Informationen überhaupt zwischen seriösen und unseriösen Quellen unterscheiden? Wichtige Ankerpunkte sind laut Pörksen die Integrität und Identität des Kommunikators.

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In der Empörungsdemokratie wird der Einzelne selbst zum Regisseur seiner Welterfahrung, in dem er seine eigene private Wirklichkeit konstruiert. Die klassische Gatekeeper-Funktion durch Journalisten verschwindet und damit auch ihre (Deutungs-)Macht. Die Grenzen des Sagbaren verschieben sich („Diskurskrise“). Zudem gibt es die „Behaglichkeitskrise“. Darunter versteht der Autor nicht das Verweilen in den eigenen Filterblasen, sondern den „Filter Clash“, also die permanente Konfrontation mit anderen Lebenskontexten. Die Dauererregung durch Skandale, emotionale Geschichten und Bilder lässt die Frage aufkommen, ob die flächendeckende Option wirklich in Verzicht besteht? Wäre es nicht besser, die Entwicklung einer Emotions- und Erregungsdidaktik zu fördern? Diese beschäftigt sich mit Fragen, welche Empörung und Rührung wirklich wichtig ist, und wie wir verantwortungsvoll mit den Reflexen menschlicher Wahrnehmung und Aufmerksamkeitsteuerung umgehen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass wir eine psychologische Äquivalenz der „Fettleibigkeit“ entwickeln, indem wir Medien bzw. emotionale Inhalte unreflektiert konsumieren, mit Schäden für uns selbst und die Gesellschaft. Insgesamt ein anspruchsvolles Buch mit spannenden Analysen in diesen gereizten Zeiten.

Rouven Schäfer, Leiter Human Resources Management, DocCheck in Köln

Bernhard Pörksen
Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung
Carl Hanser Verlag, München
2018, 256 Seiten, 22 Euro